Dienstag, September 27, 2005

(herr oborski hat wohl zu viel zeit. die er sich unter anderem damit vertreibt, anderer leuts zeuch weiterzudenken. neulich dachte er einen text von mir weiter, den ich hier einst veröffentlicht hatte. der vollständigkeit halber jetzt noch mal. mit herrn oborskis weitergedachtem. mein allergutester freund caruso schloss sich mittlerweile der weiterdenkung an.)

Der Sturm näherte sich nur langsam. Die Männer im Hafen hatten reichlich Zeit, sich auf seine Ankunft vorzubereiten. Dennoch herrschte emsige Betriebsamkeit am Dock -- wie immer. Fracht wurde aus- und wieder eingeladen. Riesige, ins Monströse mutierte Kräne hievten Container durch schwindelerregende Höhen. Gebrüll allerorten, obwohl jeder Arbeiter mit einer Kommunikationseinheit ausgestattet war, die noch so leises Flüstern einfing und an der richtigen Adresse absetzte.
Ganymed konnte nichts davon sehen, hatte aber alles klar vor Augen. Seit er seinen Job auf Hongkong 2 an den Nagel gehängt hatte, um auf Transportschiffen ins wirkliche All zu reisen und nicht nur auf einem künstlichen Trabanten um die Erde zu kreisen, waren bald zehn Jahre vergangen. Aber im mit Abstand größten Raumhafen hatte sich im Laufe der Zeit nicht viel verändert. Okay, die Geschäfte mochten härter und schmutziger geworden sein. Den gewöhnlichen Arbeiter kratzte es jedoch nur wenig, ob er verbotene Drogen, vom Aussterben bedrohte Spezies oder illegale Einwanderer verlud. Hauptsache am Ende des Monats stimmten die Yuans auf der Geldkarte. Ganymed konnte sich noch an Zeiten erinnern, in denen die Löhne in Dollar ausgezahlt wurden. Doch das schien Äonen zurückzuliegen. Nachdem sich China in den letzten vierzig Jahren fast die gesamte östliche Hemisphäre unter den Nagel gerissen hatte – teils durch geschicktes Verhandeln, teils durch eindeutiges Drohen, teils durch zerstörerischen Krieg – war der Dollar immer schwächer geworden. Jetzt spielte er für die Weltwirtschaft eine ähnlich große Rolle wie ein Pickel am Arsch einer alten Jungfer.
Ganymed starrte aus dem großen Fenster, das die gesamte Vorderfront der Brücke einnahm. Und der Sturm hatte eine verschwenderisch große Brücke, obwohl der Pott nur mit ein paar Knöpfen und dem Bordcomputer sicher zu steuern war. Als er als gewöhnlicher Schiffsjunge auf dem Transporter angeheuert hatte, fand er es höchst albern, »der Sturm« statt »die Sturm« zu sagen. Schiffe waren nun mal weiblich, basta! Nachdem ihm jedoch (trotz mehrfacher eindringlicher Warnungen) einmal in Gegenwart des alten Kapitäns ein »die Sturm« rausgerutscht war und er danach zwei Tage im Frachtraum mit nicht nur abscheulich stinkenden, sondern auch abscheulich jaulenden Orgzars verbringen musste, war ihm dergleichen nie wieder passiert. Das Schiff hieß fortan auch für ihn nur noch »der Sturm«. Dennoch kündigte er, nachdem er den Posten des Kapitäns durch eine kleine und nicht ganz astreine Meuterei übernommen hatte, sämtliche Verträge, die den Transport von Orgzars vorsahen. Die widerlichen, an zerschnetzelte und wieder zusammengeklebte Kröten erinnernden Viecher mochte doch bitte durchs Weltall schippern, wer wollte. Er wollte jedenfalls nicht mehr. Auch wenn die aus ihren Warzen austretende Flüssigkeit gut gegen Harndrang war. Sagte man.
»Noch etwa 35 Minuten, Gan.«
Die leicht quäkige Stimme seiner Steuerfrau Ziyi riss Ganymed zurück ins Hier und Jetzt. Gleich würde sich die Erde zur Seite schieben und den Blick auf einen kleinen, unförmigen grauen Haufen freigeben. Hongkong 2 sah aus der Distanz aus wie ein von der Bordkatze ausgewürgtes Büschel Haare. Kam man jedoch näher, explodierte das Büschel wie in Zeitlupe zu einer gigantischen Metallkonstruktion gegen die selbst der Sturm winzig wirkte...

(bis hier ich.)
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(nun mo.)

Ganymed wandte seinen Blick vom Fenster ab und sah hinüber zu Ziyi, die das Schiff ruhig Richtung Dock steuerte. Obwohl er sie seit seiner Zeit als Schiffsjunge kannte, wusste er fast nichts von ihr, und ihre Ruhe machte ihn nervös. Er wusste nur, dass sie den Transporter sicher andocken würde. Sie redete nie über ihre Vergangenheit, woher sie kam und wie lange sie schon Schiffe durchs All steuerte. Einmal hatte er sie nach ihrem Alter gefragt und nur ein schwaches Lächeln als Antwort erhalten. Das hatte ihn auch nervös gemacht.
»10 Minuten, schalte auf Leitstrahl.«
Hongkong 2 nahm nun den größten Teil des Frontfensters ein. Die Andockprodezur verlief weitgehend automatisch. Das Löschen der Fracht würde zwei Tage dauern, Zeit genug, um alte Bekannte wiederzusehen. Ganymed war sich nicht sicher, ob er seine Bekannten von damals wirklich wiedersehen wollte. Er war sich nicht einmal sicher, welche von ihnen noch lebten. Das Leben hier oben und in den Tiefen des Alls verlief anders als auf der Erde. Das Sterben auch. Als die Sonne durch die fein verzweigten Rippen [is doof, sagt Petra] des Hafens funkelte und sich die Lichtfilter des Fensters aktivierten, glaubte er kurz, die Gestalten der Hafenarbeiter sehen zu können. Aber das war auf diese Entfernung natürlich nicht möglich.
Einige Stunden später saß Ganymed mit Ziyi und der restlichen Brückenbesatzung in einer der etwas besseren Hafenbars von Hongkong 2. Ziyi sagte wie üblich kein Wort, während Bordingenieur Lyrd lautstark die gesamte Bar unterhielt. Direkt nach ihrer Ankunft hatte es Schwierigkeiten mit den Frachtpapieren gegeben, aber Probleme dieser Art war Ganymed gewohnt. Er wusste, wie er seine Besatzung und sich selbst bei Laune halten konnte. Das wusste die Vergnügungsmeile von Hongkong 2 auch, denn sie hatte täglich mit abgestumpften Arbeitern zu tun. Die meisten Gestalten in der Bar waren Chinesen, gestrandete Seelen auf der Suche nach etwas, was sie auf der Erde nicht zu finden glaubten. Auf Hongkong 2 fanden sie es erst recht nicht. Fast alle von ihnen schlugen sich mit Hafenarbeit durch, hofften auf die große Chance, auf ihr Schiff, auf ihr Tor zum All - oder auf ihren Gewinn in den Casinos.

(bis hier mo.)
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(jetzt caruso.)

„Schau mal einer an“, Ganymed stupste seine Begleiterin in die Seite, als sich die Tür mit einem hässlichen Quietschen – es störte niemanden; die meisten Kreaturen waren, wie bereits erwähnt, abgestumpft, stark betrunken oder lauschten Lyrds Ausführungen – eine geduckt schleichende Gestalt Preis gab. Verächtlich zischte er: „Skrubs!“ Im schummrigen Licht der Bar konnte man die glänzende, violette Schuppenhaut des Gastes nur erahnen. Dem Eingeweihten reichte gleichwohl der mit eintretende pestilenzartige Geruch. „Das Viehzeug stinkt wie Katzenpisse!“, rief er, darauf bedacht, dass er vom Angesprochenen auch gehört wurde. Und wohl wissend, dass jener verstand, welches, schon lange aus der terrestrischen Fauna verschwundene, Tier gemeint war und wie abartig dessen Pisse roch. Doch nichts geschah. Es gab Zeiten auf der guten alten Erde, da wäre Ganymed bereits vor Beendigung dieses Satzes, unter Zuhilfenahme seiner eigenen Gliedmaßen, in einen blutigen Klumpen Fleisch verwandelt worden. Damals. Heute nicht mehr. Mit einem zynischen Grinsen ließ er das gebeugte Wesen an den Resten seiner Schulbildung Teil haben. "Sic transit gloria mundi sagte man in einer toten Sprache - so tot wie du."
Damals, in seiner Jugend, also zu jener Zeit, als man den Lohn für harte Arbeit tatsächlich noch in ebenso harten Dollar erhielt, da kamen sie. Aus den Weiten des Alls. Stolz. Blutrünstig. Grausam. Unterjochten den blauen Planeten – das Erste Leviathanat. Es dauerte 1698 Tage. Jeder Tag davon war ihm in Erinnerung. Jeder einzelne davon, als sei er der gestrige gewesen. In dieser Zeit regierte Großverwerter Chreshshtz mit eiserner Härte. Systematisch ließ er durch die ihm anvertraute Sklavenrasse den Planeten umpflügen. Kein Meter blieb übrig, in dem nicht nach Bodenschätzen oder was auch immer gegraben wurde. Irgendwann verlor sie ihr Blau, die Erde. Die Trockenlegung der Ozeane, das Roden des gesamten Forstbestandes ließen sie karg und den Himmel schwarz werden. „Was für ein grauenhaft sinnloser Plan“, dachte Ganymed immer noch bitter, wurde doch bald für alle offensichtlich, dass die Skrubs mangels einschlägigem Know-How mit den Funden nichts, aber auch gar nichts anfangen konnten. Dennoch gruben sie weiter und vernichteten kurz darauf, was sie zu Tage gefördert hatten.
Als auf dem Territorium des ehemaligen China die ersten Aufstände loderten, verfügte Chreshshtz bereits längst nicht mehr über die nötigen Kräfte zu deren Niederschlagung. Offenbar war seine Erfolglosigkeit bei der Ausbeutung der neuen Provinz bis in die Heimatwelt der Skrubs vorgedrungen und man hatte den Großteil seiner Truppen in der Zwischenzeit zurück beordert. Die Chinesen, bereits vor dem Ersten Leviathanat expandierende Macht, wüteten fürchterlich unter den seinen und als der Feind erschlagen, schien es, als hätten sie am eigenen Blutrausch derart Gefallen gefunden, dass sie weiterzogen - mit dem Anspruch die restliche bekannte Welt gleich mitzuerobern. Die chinesische Erfolgsgeschichte. Heute war es bei Strafe verboten sie zu erzählen. Die Machthaber sahen es lieber, die chinesische Hegemonie beruhe auf einem ausgeklügelten Plan ihrer Eliten, der Stern des Yuan sei ob ihrer Genialität und Stärke aufgegegangen. Die Kausalität zu Leviathanat und Schwäche der vom Frondienst weit härter ausgezehrten Westvölker - bei Licht betrachtet eine bloße Laune der Historie - wurde gezielt verschwiegen. Er blickte auf seine Geldkarte und lächelte. Er konnte sich der Ironie dieser Angelegenheit bis heute nicht entziehen.
Einige der überlebenden Skrubs hausten nun auf Hongkong 2. Status: rechtlos. Kein wirkliches Leben auf Hongkong 2. Warum ihre Herrschaft das Erste Leviathanat genannt wurde, das wusste heute niemand mehr. Warum ihre Artbezeichnung nur im Plural existierte, ebenso wenig.
„Lass ihn, Gan“, bat Ziyi mitleidig. „Schau ihn doch an. Wolltest du mit ihm tauschen?“. „Nein!“, erwiderte Lyrd an seiner Stelle. Dann lachte er scheppernd. „Nein! Wer will schon nach Katzenpisse stinken?“. Lyrd spuckte auf den Boden und prostete seinem Skipper zu. Ganymed nickte und trank.

5 Comments:

Blogger Hendrik said...

Möpse!

01:34  
Anonymous mortimer said...

aber ganz große!

02:16  
Blogger fitzi said...

Sex sells? Wie Mainstream...

02:25  
Blogger Fabian said...

Mein Leitstrahl endet dieser Tage bedenklich oft auf meinen Schuhen.

12:42  
Anonymous n¦tropie said...

Probleme mit dem Leitstrahl? Zielfernrohr defekt? Traurige kleine Pfützchen zwischen den eigenen Füßen? Sauber abgestrahlte Parabeln nur noch eine wehmütige Erinnerung an bessere Zeiten?

Das muss nicht sein.

Urinella. Für Frauen. Und für Männer, die sich trauen. Trau dich!

23:39  

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