Sonntag, November 13, 2005

Der Eingangsbereich ist sehr glasig, sehr hoch, sehr weitläufig. Riesige Fenster. Nüchtern unbequem in einer Reihe platzierte orangene Designer-Sessel laden zum Ignorieren ein. Die Empfangsdame scheint fast absichtlich so drapiert, dass sie nicht aus den Fenstern schauen kann, sondern auf die Wand schauen muss. Nein, auch nicht auf die Wand. Auf den riesigen Flatscreen davor, der Gehirnwasch-Firmenbotschaften propagiert. Den ganzen Tag.
Alle Wege zu allen Treppen sind durch dicke Feuerschutztüren versperrt. Dafür Aufzüge aufdringlich an jeder Ecke. Eingebaute Faulheit.
Im zweiten Stock: wir. Direkt neben einer weiteren Feuerschutztür der Video-Raum. Erst seit kurzem mit schallschluckenden Stoffbahnen ausgekleidet. Die nützen nur gar nichts, wenn die Feuerschutztür ins Schloss fällt. Gegenüber: mein Büro. Wenn ich am Schreibtisch sitze, kann ich weder den gänzlich nutzlosen, dafür aber hübsch hässlich bepflanzten Innenhof noch den Himmel sehen. Ich sehe nur Wände und Fenster, hinter denen andere sitzen, die meine Wände, mein Fenster sehen. Wenn nicht gerade die Jalousien-Steuerung der Meinung ist, völlig sinnfrei Räume verdunkeln zu müssen.

Unser neues Verlagsgebäude (Kollege Schmidt bezeichnete es neulich als gedrungen) steht in der sogenannten »Parkstadt Schwabing«. Seit ich den Namen das erste Mal auf einem Schild las, grübel ich, was eigentlich genau »Parkstadt« heißen soll. Und wer mir hier jetzt kommentar-technisch mit »Is doch klar, der Englische Garten is gleich umme Ecke« kommt, der wird klick-technisch gelöscht.

8 Comments:

Anonymous alcyon said...

Hört sich deprimierend an, irgendwie. Aber bitte nicht so werden: http://www.taz.de/pt/2001/03/16/a0207.nf/text

Danke! ;-)

02:21  
Blogger Petra said...

und ich danke mal wieder für den text. sehr.
(als kleine absicherung: ich sage selten bis nie "lass mich bitte ausreden", weil ich selber ganz großartig im "ins wort fallen" bin. das wäre ja dann ein stückweit unfair von mir, sowas zu sagen. zudem kann ich weder mit "i will survive" noch dem anderen kram dienen. aktuell plärrt aus dem winamp das halo-theme.)

02:35  
Anonymous Anonym said...

sehr schön geschrieben, und sehr schön deprimierend. hast du dir schonmal überlegt werbebrochüren für beerdigungsinstitute zu machen?

09:35  
Blogger Falcon said...

Wahrscheinlich heisst Parkstadt, dass man in Schwabing höchstens sein Auto parken sollte (und sich dann per Bahn in eine schönere Ecke aufmacht).
Aber wenns dich tröstet - bei mir vorm Büro haben sie gerade eine kleine Parkfläche (eine echte mit Bäumen und Gras) abgeholzt, den Brunnen abgerissen und und bauen stattdessen eine "Stadtvilla" für Bekloppte, die um jeden Preis meinen, mitten in Berlin wohnen zu müssen.
Auch ein deprimierender Anblick.

11:27  
Blogger Fenderbaum said...

Frau G. aus www sagt dazu:
"Der Name verweist auf eine kleine, parkartige Landschaft mit altem Baumbestand, welcher rund um die ehemalige Ziegelei Reiffenstuel (heute: Schreberweg 4) erhalten geblieben war. Das restliche Gelände war komplett abgeziegelt und lediglich eine baumlose Schafweide."

In diesem Ausschnitt geht es um die Parkstadt Bogenhausen, welche sich anscheinend auch im Weissbiermekka befindet.

13:04  
Anonymous bill tür said...

ein feiner text, miss p. wie immer. aber natürlich kein vergleich zu dem bunker, in dem ich mein berufliches sein friste. ich erspar dir aber das tränenmeer, das du mit einer entsprechenden erzählung meinerseits zu vergießen genötigt würdest. ja, so bin ich. ;-)

16:09  
Blogger Petra said...

lieber bill,
du vergisst, ich sah den bunker schon. wenn auch nur von außen. aber das reichte. wirklich. um sich ein bild zu machen.

18:08  
Anonymous Tulio said...

Eimer Neonfarbe im Baumarkt erstehen, paar schrullige Accessoires drapieren, den Rest im Pflanzenoverkill verdecken.

18:30  

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