Freitag, Dezember 30, 2005

Weihnachten? Eigentlich wie immer. Es begann mit einer langen Fahrt. Schnee, Unfälle, Stau. Langweile. Okay, die Hinfahrt war gar nicht so langweilig. Kollege Daniel, der mir nun im dritten Jahr den Beisitzer macht (und einen grausigen Abaschfimmel hat), verfiel wie immer kurz vor Ankunft in seiner Heimatstadt Hagen in leichten Wahnsinn. »Was, wenn wir jetzt hier in Lüdenscheid einfach drehen, anrufen und ein schlichtes Nö! durchs Telefon schicken? Meinst du, man würde uns das übel nehmen?« fragte er. Die Idee, verlockend. Aber undurchführbar. Man hätte es uns übel genommen. Und eigentlich bin ich an Weihnachten gerne daheim, auch wenn ich weiß, dass mir an Tag 2 immer ein bisschen die Decke auf den Kopf fällt. Dieses Jahr hielt ich Harry Potter 6, die Zeit, den Spiegel schützend über mein Haupt. Und viel Schlaf. Seltsam ist nämlich, dass ich daheim pennen kann wie nirgendwo sonst. Mein Zimmer ist längst nicht mehr meins. Darin nur noch Minimal-Erinnerungen an früher. Etwa die ungewöhnliche Wandfarbe, die mein Vater zusammen gerührt und aufgetragen hat. Damals, als am Ende der Anstreicherei der Krankenwagen vor der Haustür gestanden hat, weil mein Vater – ach, zuviel für ihn und seinen Zustand damals. Den Hang zur Übertreibung habe ich eindeutig von ihm geerbt. Und die Nase, die kurzen Finger und allerlei mehr.
Auf dem Eckregal, unter dem ich früher in meinem Bett so manchen Nachmittag mit Schundromanen von [insert here: Name von Schundroman-Autor] verbrachte, stehen zwei bis ganz viele Bücher, die ich nie las, die ich damals aus dem Colibri für Umme mitbrachte, weil die auch sonst niemand lesen wollte. Colibri, so heißt die Buchhandlung, in der ich während und nach der Abi-Zeit eine Weile arbeitete. Der Laden ist absolut winzig, unglaublich voll gestopft und unglaublich reizend. Das liegt unter anderem an Renate, der Besitzerin. Früher, als ich dort noch aktiv war und nichts so gern tat, wie mittelalten Damen Frauen-schreiben-für-
Frauen-Romane anzudrehen, gehörte der Laden auch Maria. Renate und Maria haben sich irgendwann zerstritten oder so und schließlich getrennt. Nun also nur noch Renate. Wie immer zwangen mich letzte Mini-Einkäufe am Morgen des 24. in die Stadt und wie immer besuchte ich Renate. Und wie immer, immer, immer erzählte sie im vollen Laden die Geschichte, wie ich damals hinter ihr stand, während sie einem Kunden ein total überteuertes Backgammon-Spiel andrehen wollte (Buchhandlungen verkaufen ja heute in den seltensten Fällen nur noch Bücher). Petra, sich der Faszination des Spiels nie recht bewusst (ist da eine?): »Also ich finde Backgammon unglaublich langweilig.« Renates Blick darauf hatte die Qualität eines Auffahrunfalls. Als der Kunde dann fort war -- immerhin im Besitz der »unglaublichen Langeweile« -- gab es eine Standpauke. So was passierte mir dann nie wieder. Und Renate, reizend eben, ist auch kaum nachtragend. Kaum deswegen, weil sie ja nun immer, immer, immer diese Geschichte -- kann auch sein, sie mag einfach nur, wie ich die Augen verdrehe. Übrigens erweiterte Renate vor einigen Jahren ihren Betrieb. Zwei Häuser weiter befindet sich nun der Kinderbuchhandel (und Kassetten- und Stofftier- und Holzspielzeughandel). Da erstand ich einen großartigen Esel für meine Nichte. Wir haben leider versäumt, ihm an Heiligabend einen Namen zu verpassen. Zu blöd.
Nichte und Neffe, die zwei. Hach. Sagte ich zu Beginn nicht, Weihnachten sei wie immer? Ist ja glatt gelogen. Liegt an den beiden Kurzen. Der Neffe, mein Patenkind, hält mich für die beste Tante. Mutter sagt, er ließe nichts auf mich kommen. Das sollte er auch mal wagen. Immerhin bin ich die einzige, die seinen Elektronikbespaßungsgeräte-Fetisch ernst nimmt. Zum Ausgleich bekommt er dann auch immer mal wieder Fußbälle und Skateboards und so Zeug. Sonst beginnen die Eltern noch, einen Groll gegen mich zu hegen. Und das will ich schon deswegen nicht, weil sich meine Schwester K. dieses Jahr mit der Tatsache konfrontiert sah, dass mein Hintern mittlerweile kleiner ist als ihrer. (Oh, ich freue mich auf Ostern. Das wird ihr Waterloo!)
Freundin A. übrigens, die wundervollste von allen, erlebte mich an Tag 3 zum ersten Mal länger zwischen Nichte und Neffe. Und stellte zunächst verwundert meine Art fest und mir dann die eine fiese Frage. Ist wohl wirklich das Alter. Also meines. Herrje. Im Anschluss daran habe ich mich dann gehörig betrunken. Und sie nicht. Was ganz schön krude war, wollte ich doch zunächst sie beim Betrinken nur unterstützen. Die Resultate am nächsten Tag: 1. lustigste Verrenkungen meiner Mutter. Sie meinte, mir unbedingt vor Augen führen zu müssen, wie ich in meinem…erm, leicht angeheiterten Zustand die Wäsche in den Trockner verbrachte, abends um 22:30 Uhr. 2. ein Kater, der mich die ganze Rückfahrt begleitete. War ich da wenigstens auch nicht allein im Schnee, zwischen den Unfällen, im Stau.

8 Comments:

Blogger Henk said...

ach, schöne geschichten, wo man dann manchmal denkt "ist ja fast wie bei mir", nur eben ganz anders.
and you know it's time to go, through the wind and driving snow...

17:18  
Blogger trainbuk said...

http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.luftikus.aviator.at/galery/albums/userpics/10383/normal_die%2520verbeugung%2520des%2520pinguins.jpg&imgrefurl=http://www.luftikus.aviator.at/galery/displayimage.php%3Falbum%3D6%26pos%3D13&h=400&w=600&sz=40&tbnid=UzMZ6koCTx4J:&tbnh=88&tbnw=133&hl=de&start=34&prev=/images%3Fq%3Dverbeugung%26start%3D20%26svnum%3D10%26hl%3Dde%26lr%3D%26sa%3DN

für den schönen text. und gedrückte daumen hier - für ostern! ;-)

21:47  
Blogger Fallout_Boy said...

Hehe. Die »fiese Frage«. Was sagt denn die biologische Uhr zu Ihnen, Frau Schmitz? ;)

08:46  
Blogger Pascal said...

ja, wirklich sehr schön geschrieben und angenehm zu lesen.
besonders, dass man am ende dieser tage genau da ist, wo man vorher war. und alles wieder von vorne losgeht. kompliment

viel erfolg im neuen jahr! sowohl beruflich als auch privat

12:22  
Blogger gamatex said...

also wenn du eines tages der gamestar und dem jornalismus den rücken zukehren willst, werd auf jedenfall schriftsteller

da kannste nix falsch machen. noch n geschetes thema und der bestseller is dir sicher^^

14:13  
Blogger Petra said...

henk, genau das.
herr m., nun werden sie mal nicht nassforsch, gelle?
trainbuk, pascal, gamatex: dank euch.

14:31  
Blogger Fallout_Boy said...

Oh. Richtig. Ist mir ja ganz entfallen. Auch ich wünsche Dir ein tolles Jahr 2006 in jedweder Hinsicht. Und bitte ignorier' den Vorschlag von gamatex und werd' kein Schriftsteller. Einen Peter Schmitz kann und will ich mir nicht vorstellen.

14:32  
Blogger Petra said...

herr m., sie sind kleinlich.
gute-rutsch-wünsche später hier nur woanders. vorher nicht. so.

14:32  

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