Freitag, Juli 21, 2006

Mal so Gedanken auf Extreme-Looping-Basis von Peter Lichts 'Lieder vom Ende des Kapitalismus':
Zuweilen noch, aber seltener als früher, ärgere ich mich, dass ich damals in den Leichtathletik-Verein statt zum Klavierunterricht ging. Etwa, wenn die großartige Pia spielt. Doch mittlerweile bin ich mir recht sicher, dass ich viel besser Musik hören kann, als sie je selber zu machen. Musik hören -- ich weiß nicht, ob das erlernbar ist. Reicht ja nicht, dass man einfach nur die Lauscher aufsperrt und Klänge reinfallen lässt, die dann ein paar Schleifen zwischen den Synapsen drehen. Muss ja mehr sein. Muss ja auch in den Haarspitzen zischen, im Bauch rumoren, in den Augen blink-blinken, an den Zehen zuttzeln und an der Nasenspitze klopfen. Sonst kann man's nicht. Sonst kann man Radio Arabella anmachen und ganz entspannt zwischen Werbe-Jingles und Besser-gut-aussehen-als-gut-klingen-Bands nicht-unterscheiden.
Wenn man es aber kann, das Hören, dann wird der Regen nasser oder trockener, die Luft wärmer oder kälter, der Tag klarer oder blasser -- je nach Bedarf und Lust und Laune. Der Geruch von Zeit wird unterscheidbar, der nächste Schritt wird ganz anders als der davor. Und wer richtig zu hören vermag, kann sich gezielt an vergangene Schritte erinnern. Oder geplante mit dem richtigen Soundtrack unterlegen. Selbst, wenn man dazu ganze Passagen ausblenden muss, um nur einzelne Akkorde und Worte wahrzu-nehmen, die man völlig kontextlos in andere Kontexte setzt.
Ich würde jetzt gerne mit irgendwas im Spektrum von 'gesteigerte Sinnlichkeit' abschließen, aber bei 'Sinnlichkeit' denken mir zu viele Menschen an akribisch geplante, duftkerzenbeschienene Erdbeeröl-Partnermassagen mit anschließendem Glitschsex oder so. Und überhaupt ist Sex eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen Musik rein gar nix verloren hat. Auch die von Herrn Licht nicht. Vögeln auf 'Wettentspannen'...uh.

12 Comments:

Anonymous Markus S. said...

"Wettentspannen" ist das beste Lied des Jahres. So.

10:48  
Blogger Klapsenschaffner said...

Mein Gott Frau Schmitz, wie sehr muss ich ihnen mit dem Sex und der Musik rechtgeben! Aber gaaaaanz viele meiner Geschlechtskollegen glauben allen ernstes, dass dröge Liebesbezeugungen und geheuchelte Interessebekundungen nur mit Hilfe langsamer Musik zum schlüpfrigen Ziel führen.

Ich weiß das, bin auch einer von denen... nur ohne Musik.

10:48  
Blogger Petra said...

herr schwerdtel, können wir uns auf 'eines der besten lieder des jahres' einigen?

10:54  
Anonymous Markus S. said...

@Petra
Nein, da lasse ich nicht mit mir diskutieren.

11:20  
Blogger Petra said...

ach, ich mag da auch gar nicht so recht diskutieren. wir finden es ja beide super, du einen funken superer als ich. damit kann ich leben. echt.

11:25  
Blogger Knurrunkulus said...

Ich zu Hause. Stelle nem Kumpel ein Lied vor. Naja gut, mehrere Lieder. Eins davon dauert sieben Minuten. Kumpel: "Och nee, das kann ja nur langweilig werden." Nein, kann es nicht. Das ist ja nicht irgendeine Band, das ist Jimmy Eat World. Und das ist auch nicht irgendein Lied, sondern das grandiose "Drugs or Me". Und das entwickelt sich nicht irgendwie, sondern mit einer Dynamik, die unschlagbar ist. Und das ist nicht langweilig, sondern hoch begeisternd und emotional mal extrem fordernd. Aber das will er nicht einsehen. Aber irgendwie ... und er ist da ja nicht der Einzige ... irgendwie liegt beim Hören dann eine dermaßen unangenehme Stille im Raum, das man das Lied einfach unterbrechen muss und ihm dann halt ein kürzeres Stück vorstellt. Um Längen unspektakulärer. Aber sehr kurz eben. Was nicht heisst, das es keine guten kurzen Stücke gäbe. Aber alles, was auf Radiokompatibilität gestreckt ist, muss doch leider oft Abstriche machen.

Worauf ich hinauswill: Ich habe glaube ich nur einen Kumpel, mit dem ich wirklich Musik hören kann. Mit dem ich wetteifere um das Hören des schönsten Akkords und der besten Textstelle, mit dem das eben nicht hochpeinlich ist, wenn mal ein langes Lied ertönt, sondern einfach nur der Musik angemessen. Oder anders gesagt: Man sollte nicht nur selber Musik hören können, sondern auch mindestens einen Kumpel haben, der das genauso gut kann.

Und jetzt will ich Musik hören. Obwohl ich lernen muss. Was nebenbei ja bei einigen Menschen kein Problem sein soll, das Hören und Lernen zur selben Zeit. Aber ich brauche das erst gar nicht versuchen. Weil dann ja doch wieder DER Akkord kommt und DIE Stelle und dann singe ich ja doch wieder mit oder wippe hin und her oder freu mich wie bekloppt.

Ein schweres Los. Aber es hat eben alles auch Nachteile.

12:22  
Blogger Petra said...

macht man ja auch nicht, auch wenn ich es selber gelegentlich noch mache -- dieses vorstellen und dabei erwartungsvoll (na, was sagt er wohl? er muss doch diese unfassbar großartige tonfolge da wahrnehmen, verdammt. wieso sagt der nichts, der arsch?) daneben sitzen. das geht meistens schief. was geht: cd brennen, in die hand drücken und sagen 'hör mal rein, ist super!'. wenn man es ganz ernst meint, weil man unbedingt mit dem menschen was teilen möchte, sagt man: 'hör bitte da mal rein, könnte dir ähnlich gut wie mir gefallen. und wenn es nicht gefällt, lüg' mich einfach an!'.

12:32  
Blogger Piano said...

Huch, danke für das Kompliment :-)
Sex und Musik geht gar nicht. Auch wenn es uns in Filmen immer wieder vorgegaukelt wird. Es gibt Lieder, die müssen gar nicht mal traurig sein, die kann ich nicht mehr hören, weil sich sofort ein ganz unangenehmer Gemütszustand einstellt, weil ich das Lied zum Beispiel gehört habe, als XY gestorben ist, und das Lied mit dem Ereignis verknüpft ist. Du hast so recht Petra. Durch die Ohren in die Seele.

13:48  
Blogger Froschi said...

Du hattest ganz offensichtlich noch nie Sex zur Space Night.. :D

14:31  
Blogger Bacchus said...

Ich hör gerade "The Narcotic Suite: Skylined" von The Prodigy.

Obwohl mir das Lied auserordentlich gut gefällt kann ich mir irgendwie nicht vorstellen Sex dazu zu haben. Das wär überaus stressig.

18:39  
Blogger n¦tropie said...

"Gesteigerte Sinnlichkeit" trifft es perfekt, fuck doch the Glitschdenker.

Man darf aber bei erwartungsvoller Tonfolgengutfinderei nicht außer Acht lassen, dass die Zeit-Wahrnehmung des Gegenübers eventuell schon von einer vorigen Tonikavariantgegenparallele verändert wurde und es (das Gegenüber) sich das nur nicht anmerken lassen möchte. :)

(Und ein Akt zur Space Night würde übrigens ungefähr so sedierend auf meinen Körper wirken wie eine Airbus-380-Ladung Valium. Sedation aber ist der natürliche Fressfeind des Aktes.)

20:17  
Blogger Petra said...

pia, nicht dafür. is fakt. der ganze satz.

paul, simuliert ihr dabei auch schwerelosigkeit in so einer liebesschaukel? das fände ich spannend.

mo, was immer du sagst. aber: wie war das mit der polizei im mittelteil?

10:24  

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