Sonntag, November 12, 2006

Herrje, was für ein Zustand ist das nun wieder? Der, in dem ich mich aktuell befinde? Zum Kotzen! Diese Unlust über irgendwas zu schreiben, weil im Hinterkopf ständig irgendwer auf die 'Ist-doch-alles-völlig-scheißegal-Glocke' haut: »Dongdongdong, interessiert keine Sau. Oder versteht keine Sau. Oder beides. Lass es!« Und weil alles durcheinander ist, ein großer Haufen Kuddelmuddel aus Halbsätzen, Befindlichkeiten, Erinnerungen, Gefühlen. Chaos deluxe. Das krieg' ich verdammt noch mal nicht entpfriemelt.
Aber! Aber wenn ich nicht schreibe, dann fehlt was. Dann ist das manchmal so, als gäbe es mich gar nicht, weil ich das, was mich in meiner Wahrnehmung zu einem Großteil ausmacht, einfach nicht mache. Da kann ich gleich mit dem Atmen aufhören. Wie also da wieder raus kommen? Aus dem Durcheinander und der Unlust? Einfach überhaupt was schreiben. Irgendwas. Los, los, los! Jetzt!
Okay, los:

Das Grab meines Vaters kann ich vom Fenster meines alten Zimmers sehen. Also zumindest den Grabstein, das ist so ein Hinkelstein-artiger mit ganz dezenter Inschrift.
Die frischsten Erinnerungen an meinen Vater sind keine hübschen, die sind nur schmerzhaft. Die Erinnerungen an mich aus dieser Zeit sind auch keine hübschen. Ich war nämlich nicht da. Ich war in München, saß weit fort, war froh, dass ich nicht tagtäglich miterleben musste, wie er langsam aber sicher vor sich hin starb. Das überließ ich bis auf regelmäßige Kurzbesuche (manchmal zweimal im Monat) meiner Mutter. Und immer war ich froh, wieder abhauen zu können.

Alles begann, als ich in die siebte Klasse kam. Niereninsuffizienz, also chronisches Nierenversagen. Folglich Dialyse. War kein schönes Jahr, damals. Alles endete im Sommer 2000, nach viel unfassbarem Zeug. Da war beispielsweise die Episode, als mein Vater Gürtelrose am Kopf bekam und irgendein Volldepp von Arzt ihm per Tropf Hardcore-Medikamente einflößte, die der Körper aufgrund der lustigen Nierenprobleme nicht richtig abbauen konnte. Folge: temporärer Wahnsinn. Es ist wirklich kein erhebendes Gefühl, wenn man seinen eigenen Vater... ach, egal. Die Krönung war dann jedoch, dass man ihn tatsächlich nach ein paar Tagen in die geschlossene Abteilung verlegte, aus der er mich, schon fast wieder ganz bei Sinnen, daheim anrief und mich bat, ihn da raus zu holen. Meine Mutter? Die war entweder arbeiten und somit nicht direkt für ihn zu erreichen oder in der Reha wegen ihres neuen Kniegelenks. Ich weiß es nicht mehr genau. Meine Erinnerungen an das alles sind verschwommen, mein Verdrängungsmechanismus funktioniert seit jeher hervorragend. Aber ich kann mich gut an den Zorn erinnern, den ich spürte. Der rationale Teil davon: auf die Ärzte, die ihm das antaten. Der irrationale Teil davon: auf ihn, der mir das antat.
Ein paar Wochen darauf dann der Schlaganfall, den man erst drei Tage später als solchen erkannte. Unstoppbare Lähmung, Siechtum. Das fiel genau in die Zeit, da ich bei GameStar begann. (Kommentar meines Vaters, als ich ihm vorher mal eine Ausgabe mit dem Green Beret aus Commandos 2 auf dem Cover zeigte: »Bei dem Ballermagazin willst du arbeiten?«) Weit weg von all dem. Ein paar Monate später war er tot.

Mein Vater war kein starker Mann. War er nie, nicht mal, als er noch gesund war. Trotzdem hab' ich ihn sehr geliebt. Weil er war, wie er war. Jähzornig, lustig, verschlossen, verschroben, interessiert, ignorant, radikal. Emotional, wie kaum ein anderer Mensch, den ich kenne und kannte. Und weil er einfach mein Vater war. Aber stark? Stark musste ich sein. Oder zumindest so tun.
Er hätte am kommenden Dienstag Geburtstag. Ich sollte mir eine Notiz machen, damit ich meine Mutter anrufe, weil ich es sonst sicher wieder vergesse. Sie ist am 14. November immer etwas schwermütig.

Ah, schon besser. Ich fahr' nun ins Büro und spiel' ein Kriegsspiel.

19 Comments:

Anonymous Der mit dem gnu im schuh said...

Zum Glück ist mein Vater bei einem Autounfall gestorben. Ging schnell und schmerzlos. Jedenfalls für ihn.

So jetzt noch mal eine Runde "Burnout Revenge".

16:38  
Blogger Fallout_Boy said...

Auch wenn es arg sarkastisch klingen mag: In den letzten drei Monaten wusste ich nicht einmal, auf WELCHE Beerdigung ich mich emotional einlassen sollte. Plötzlich starben sie um mich herum und im Herzen wurde der Platz Mangelware. Tante, Großvater, Großmutter ... bei meinem (angeheirateten) Onkel - dem Ehemann jener Tante - ist es auch nur eine Frage der Zeit. Er hat bewusst den Weg des Siechtums gewählt, weidet sich im Gefühlschaos des Verlustes. Komische Situation. Plötzlich komme ich mir vor wie Charon, der die Seelen der Toten mit einem schnippischen »Nicht drängeln, ich muss sowieso zweimal fahren!« über den Styx schifft.

Achja, was Deinen eigenen Zustand betrifft: We´re nothing, but humans...

17:51  
Blogger n¦tropie said...

gut.

17:59  
Blogger Knurrunkulus said...

Solche Phasen kommen tatsächlich immer im November. Ich würde das ja als Klischee abtun, aber so ist es nicht.

Das ist aber auch wirklich ein blöder Monat ist das.

20:51  
Blogger Knurrunkulus said...

Und falls das für die Zukunft irgendwie helfen sollte: "Interessiert keine Sau" kannst du getrost aus deinem Gedankenapparat streichen.

Zumindest von meiner Warte aus gesehen.

20:53  
Blogger Andy said...

Schwierig, einen Kommentar zu solch einem Thema zu schreiben. Da kann jedes Wort auf einem Freud'schen Versprecher hinauslaufen. Heh, wir tragen alle irgendwelche Geschichten mit uns rum, den einen drücken sie mehr, den anderen weniger. Danke für Deine Offenheit, ist Balsam für manch eine Seele.

22:02  
Anonymous Frost said...

Das zu lesen hat ein bisschen weh getan, aber bestimmt nicht so sehr wie es zu schreiben. Ich verstehe nicht immer was du schreibst,obwohl es immer schön zu lesen ist, aber diesmal ist es sehr Groß...

22:23  
Blogger Henk said...

doch. es interessiert. und es wird gelesen. vielen die das lesen wird bloß kein zu den entstandenen gefühlen passender kommentar einfallen. so wie mir.

22:50  
Blogger Petra said...

schöner widerspruch, herr henk. den mag ich sehr.

frost, hat weh getan. hat aber auch gut getan.

andy, ich danke zurück.

knurrunkulus, ja. der november hat's faustdick hinter den ohren.

ja, n|tropie.

fallout boy, wie wählt man bewusst den weg des siechtums?

der mit gnu, erinnert mich daran, dass ich auch 'ne xbox irgendwo rumgammeln habe. wo nur?

23:04  
Anonymous bd said...

Wow, soetwas ist echt nicht einfach zu kommentieren. Deine Gefühle sind meiner Meinung nach vollkommen verständlich ... du hast eine gute Schreibe, man siehr schon das du das professionel machst ... wenn auch in einem anderen Kontext.

23:12  
Blogger Ramke said...

einer der besten texte die ich bis jetzt auf "Schmitzchen" gelesen hab, hat in erschrekender weise erinnerungen aus den tiefen meines hirns gerissen, der november ist echt hart besonders der 4., trotzdem danke.
vieleicht soltest du, bevor du aufhörst zu atmen, echt ein buch schreiben (ich würd´s kaufen).

09:22  
Blogger Schlunz said...

danke für den text. hat mir geholfen. - ich find's übrigens auch ziemlich schwer, an solchen tagen mütter (oder die jeweiligen verwandten, dh. hier quasi hinterbliebenen) anzurufen. aber man sollte es unbedingt machen, ist sehr wichtig. dank deines textes nehm' ich mir auch wieder vor, mich um sowas nicht zu drücken.

10:28  
Anonymous GreenStorm said...

Wenn man so etwas liest, das nimmt einen (mich jedenfalls) echt mit.


Und das lesen welche (ich). Aber sie (ich) können oftmals nichts dazu schreiben. Es ist wirklich nicht einfach so etwas zu kommentieren.

16:13  
Blogger McKenna said...

Respekt.

Kuddelmuddel aus Halbsätzen, Befindlichkeiten, Erinnerungen, Gefühlen und Chaos deluxe sehr nachvollziehbar und nahgehende entpfriemelt. Kurz: den nahezu perfekten Ton gefunden.

Jetzt geht es auch mir ein wenig besser.

16:36  
Blogger GenosseMzK said...

*sfz*

Jepp. Ist der November.

>> Hallo Winterdepression, möchtest du ein paar Kekse? Setz dich, musst doch nicht stehen. Ein Stück Zucker in den Kaffee oder zwei? Die ganze Zuckerdose? Ach, wie konnte ich das vergessen..ist ja nicht so als wärst du das erste mal hier. <<

19:23  
Anonymous Anonym said...

Wow. Der Artikel geht unter die Haut.
Hoffe du hast heute nicht vergessen deine Mutter anzurufen. Zusammen lässt sich so ein Tag immer am besten durchstehen, und sei es auch nur durch ein Telefonat.

17:09  
Anonymous Anonym said...

Mein 14. November ist auch nicht so toll, wird er auch nie wieder, aber egal. Petra, schreib mal was, hab nichts zu Lesen. Muss sonst ein Buch zur Hand nehmen und Deinem Blog fernbleiben...

22:30  
Anonymous 500beine said...

sich beim schreiben selbst auf die schliche kommen, gelingt nur dann halbwegs, wenn man sich jeden verflixten tag hinsetzt. schreiben Sie, schmitz!

13:59  
Anonymous Andreas said...

schön.

15:06  

Kommentar veröffentlichen

<< Home