Das Rennradliebhaben begann bei mir in einer Zeit, als ich alles jungstypische ungleich viel toller fand als alles mädchentypische, und Fahrräder mit hohem Oberrohr sind nun mal sehr jungstypisch. Ich war wohl 13. Damals hatte ich ein sehr schickes, weil mit hochmodernem Lenker und Sattel ausgestattetes Mädchenrad. Dunkelblau war es und herrlich bequem. Ideal für Fahrten zur Lingesetalsperre, zur Bruchertalsperre, zur Bevertalsperre, in die Stadt, zur Schule, heim. Auf einem Heimweg von der Schule hab' ich mich dann auch von ihm getrennt. Wir, also die, die irgendwie aus dem Bereich Niederwipper, Egerpohl, Böswipper kamen und somit nach links vom Gelände abbiegen mussten, wir fuhren vom Schulparkplatz immer falsch runter, auf der falschen Spur, gegen die Fahrtrichtung. Alles andere hätte albern ausgesehen und wäre Umweg gewesen. Eines Tages dann -- ich alleine unterwegs, keine Vera, keine Claudia, kein Gregor, niemand dabei -- kommt mir ein Motorrad entgegen. Ausgerech-net ein Motorrad! Im Vergleich zu Autos sind die doch enorm schmal. Jedenfalls stellen wir zwei, der Motorradfahrer und ich, wir zwei stellen uns ungemein dämlich an, weichen beim zügigen Annähern gut drei Mal so aus, dass wir auch gleich hätten frontal aufeinander zurasen können. Das Ergebnis wäre zumindest dasselbe gewesen: er und ich und beide Vehikel auf dem Boden. Dabei ist mein dunkelblaues, herrlich bequemes Mädchenrad gestorben. Vorderrad und Gabel waren verbogen. Ich glaube, nach dem Vorfall gab es für uns Linksabbieger die Anweisung, die Räder zumindest vom Gelände bis zum Radweg hinunter zu schieben. Hat sich aber niemand dran gehalten, glaube ich zudem. Ich hatte ohnehin erst mal nichts mehr, was ich hätte schieben können. Bin etwa eine Woche oder so zu Fuß gegangen, bis meine Eltern mit einem neuen Gefährt antanzten. Auf Wunsch des Herrn Tochter: ein Jungsrennrad, mit hohem Oberrohr. Nun ja, wenn ich Rennrad sagte, meinte ich damals schon Rennrad, nicht zehn Bruttoregistertonnen schweres Metallgebilde, aber es mag sein, ich war undeutlich in der Wunschformulierung. Da stand es also, silbern, hohes Oberrohr und dellte den Asphalt hoch. Rumgemault habe ich nicht, das wäre undankbar gewesen. Und wenn ich eines nicht bin, dann ist es undankbar. Ich bin höchstens gelegentlich unaufmerksam und schludrig im Kopf und erkenne richtige Danksagungsmomente manchmal nicht als solche. Ich bin das Rad jedenfalls etwa ein halbes Jahr gefahren, denn im kommenden Urlaub, den wir aufgrund Vaters Niereninsuffiziens in Dialysenähe, aufgrund Vaters Bergliebhaberei in Bergnähe und aufgrund Vaters Freundschaft zu Hubert in Hubertnähe, nämlich in Berchtesgaden verbrachten, besuchten wir natürlich auch Hubert, mehrfach. Und mehrfach stand ich dann mit Huberts Sohn (Namen leider vergessen) an der Garagenwand und bewunderte sein schwarzes, unglaublich wundervolles, elend teures Francesco-Moser-Rennrad. Ah, was ein Rad! Oh, oh, oh! Und bei einer dieser Gelegenheiten beschloss ich wohl endgültig, unbedingt etwas Vergleichbares haben zu wollen. Wie genau ich es anstellte, kann ich gar nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls kamen mir zu Hilfe: die vielen Rennradfahrer, die im Sommer im Bereich Berchtes-gaden die Straßen verstopfen, meine Hartnäckigkeit und mein Talent in Sachen 'Aufmerksamkeit erregen', geschicktes Tochter-Vater-Palaver (Oh, schaut nur, dieses schauderliche gelbe Rad, das blaue dort ist viel hübscher, das von Bianchi! Meinst du nicht auch, Papa?) sowie ein ziemlich übler Hagel. Nämlich vom Hagelschadenversicherungsgeld für unser Auto bekam ich nur wenige Wochen nach dem Urlaub mein Peugeot-Rennrad. Sicher, es war nicht so toll und so teuer wie das Rad von Huberts Sohn, aber meine Eltern fuhren ja auch nur einen ollen Opel Rekord und keinen BMW oder Mercedes oder so. Mein Tourmalet und ich, wir hatten dennoch eine wundervolle Zeit. Eine lange, wundervolle Zeit, über Jahre. In den Hochphasen verbrachten wir zwei jeden Wochentag mindestens 40 km, an den Wochenendtagen manchmal sogar 130 km miteinander. Nach der ersten vom WDR organisierten Radtour quer durch NRW fragte man mich gar, ob ich nicht Lust auf Radsport vereinsmäßig hätte, weil ich die einzige weibliche Person war, die in der schnellen ersten Gruppe mithal-ten und zudem eher unheimlich als heimlich vom Tritttempo der Herren dort gelangweilt war. Das nahmen mir die meisten Herren sehr übel, übrigens. Aber Rennen, Pipapo? Ich war ja damals schon lieber alleine unterwegs, lehnte also dankend ab. (Deswegen blieb das auch meine letzte WRD-Radtour.) Meine Eltern sagten wie meist auch dazu nur: »Das musst du selber wissen.« Das fand ich schon immer toll an ihnen.
Wie das mit dem Radfahren schließlich endete, ist schnell erzählt: Ich machte meinen Führerschein. Tja.
Abschließenderweise möchte ich noch betonen, dass die Gegend, in der ich nun wohne, ideal zum Radfahren ist: Auf der einen Seite des Forsts ist alles hübsch flach, auf der anderen Seite des Forsts wird es hügelig. Und wie oft bin ich in den letzten bald sieben Jahren hier mit dem Rad gefahren? Lässt sich locker an vier Händen abzählen. Aber ich bin ja auch damals recht häufig mit dem Wagen fast eine Stunde nach Köln-Vogelsang gegurkt, um dort beim Boesner Ölfarben und Keilrahmen und Zeugs zu kaufen. Und nun wohne ich seit bald sieben Jahren in einem Ort, in dem ich innerhalb von 15 Minuten zu Fuß beim Boesner wäre und habe in den bald sieben Jahren wie viele Bilder gemalt? Keins, genau.
Wie das mit dem Radfahren schließlich endete, ist schnell erzählt: Ich machte meinen Führerschein. Tja.
Abschließenderweise möchte ich noch betonen, dass die Gegend, in der ich nun wohne, ideal zum Radfahren ist: Auf der einen Seite des Forsts ist alles hübsch flach, auf der anderen Seite des Forsts wird es hügelig. Und wie oft bin ich in den letzten bald sieben Jahren hier mit dem Rad gefahren? Lässt sich locker an vier Händen abzählen. Aber ich bin ja auch damals recht häufig mit dem Wagen fast eine Stunde nach Köln-Vogelsang gegurkt, um dort beim Boesner Ölfarben und Keilrahmen und Zeugs zu kaufen. Und nun wohne ich seit bald sieben Jahren in einem Ort, in dem ich innerhalb von 15 Minuten zu Fuß beim Boesner wäre und habe in den bald sieben Jahren wie viele Bilder gemalt? Keins, genau.

4 Comments:
For the times they are a-changin'
na dann, viel freude beim rad fahren und bild malen, demnächst. ;-)
Dann kommense doch mal hier in den Norden. Hier gibts kleine Hügel, große Hügel, Brombeerbüsche überall (kern Scherz!), hübsche Hügel, Wälder, Seen, Wälder, noch nen Hügel..
Toll zum schnell fahren, übrigens. Also, nach nem Hügel. Nicht davor.
(Hab ich das hügelige Meer erwähnt? Also wenn eines das Prädikat "hügelig" verdient, dann das hier)
Andreas, radfahren wird wieder vorkommen, malen eher nicht, da hat mir mein Vater nicht genug Talent mitgegeben.
Genosse: Bis auf das Meer hätte ich Vergleichbares auch hier.
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