Neulich, als ich mal morgens durch flaches Land gefahren wurde und meine Augen außer den Oberleitungen einer Bahntrasse nichts zum Festhalten hatten, überlegte ich kurz, wie denn meine Begleiter wohl aufgewachsen sein mochten. Gab das aber aufgrund mangelnden Interesses nach gefühlten 2,5 Nanosekunden wieder auf und dachte über mein eigenes Großwerden nach. Dabei fiel mir auf, dass ich nahezu fast bis ganz komplett milieufrei groß wurde. Sehr blöd, wissen wir doch spätestens seit all den mit Preisen überhäuften Büchern, die wir nie lasen, dass Milieus immer gehen. Wenn ich beispielsweise in so einem Arbeiter-ohne-Arbeit-Hinterhof-mit-Wäscheleinen-Nachkriegs-Milieu groß geworden wäre, dann könnte ich ganz super in Nahaufnahmen berichten, wie Mutter und Vater sich abends über die dünne Suppe hinweg anschwiegen, weil Vater mal wieder ohne Arbeit war. (Achtung, ab hier verselbstständigt sich der Text, der eigentlich ganz woanders hin sollte, sich aber erfolgreich dagegen zu wehren wusste.) Klar auch, dass Mutter dann stets leise weinte. Leise, denn sie war eine stille Frau, klar. Einen Stock unter uns wohnte Frau Clara. Die war Geigenlehrerin. Die trug immer Hüte und rauchte immer französische Zigaretten mit immer spitzen, immer rot angemalten Lippen, logisch. Im Haus links wohnten die Kurselowskis. Die hatten nur ein Kind. Heinke. Wir nannten ihn Humpel-Heini, weil sein rechtes Bein kürzer war als das linke. Humpel-Heini war, wie alle Humpel-Heinis, schmächtig. Und er trug eine Brille mit Gummizug um den Kopf sowie sommers wie winters die gleichen halblangen Hosen, in den kalten Monaten allerdings noch mit dicken, von seiner Mutter gestrickten Strumpfhosen dazu. Sowieso. Übrigens ist Heinke dann nach ein paar ungelenken Auftritten (höhö) auf den Seiten 23, 24, 25, 44 und 56 (da waren wir gemeinsam auf dem Rummelplatz und haben Zuckerwatte geteilt, weil er mir leid tat) eines sehr seltsamen Todes gestorben. Das war so ein Stand-by-me-meets-Die-Blechtrommel-Tod. Wahrscheinlich fiel er aus dem Fenster (oder wurde von seinem Vater geworfen) genau kopfüber in die Regentonne. Darin dürfte er dann wohl ertrunken sein. Irgendwie so. Jedenfalls waren wir uns danach nicht sicher, ob wir traurig oder erleichtert sein sollten, denn hey, die Passagen mit Humpel-Heini waren immer unangenehm. Man wollte ja überhaupt nicht wissen, wie dreckig es dem Kleinen ging. Dann doch lieber die heulende Mutter oder Frau Clara. Aber das nur bis zu dem Moment, da sich herausstellte, dass Letztere total vereinsamt war und dieses ganze Getue nur als Maskerade diente. Wir fanden sie auf Seite 123 tot in ihrer Wohnung. Und das auch nur, weil es vorher schon mehrere Seiten lang im Hausflur stank. Ich bin dann auf Seite 125 schlagartig in die Lehre gekommen und halberwachsen geworden, weil man ja auch mal von ersten Küssen und so lesen will. Der erste Sex (Seite 183): enttäuschend, schmerzhaft. Und zwar mit dem grobschlächtigen Sohn des Meisters, obwohl mir eigentlich der schüchterne Rudolf vom Gemüsestand besser gefiel. Der erzählte immer so schöne Geschichten, während er die Petersilie band. Mutter roch den Braten, obwohl ich gar keinen in der Röhre hatte, aber ach, das sagt man doch so. Es gab riesigen Ärger: »Kind, mach nicht den gleichen Fehler wie ich!« Darauf zig Seiten Überlegungen über die Tragweite des Wörtchens 'Fehler', nur unterbrochen durch Angrabschereien von des Meisters Sohn und diversen Über-der-Suppe-Weinereien von Mutter, inklusive anklagendem Blick in meine Richtung. Auf Seite 234 setzte ich mich dann in die Bahn und fuhr nach Marzahn. Es schneite. Ende.
Dienstag, März 13, 2007
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