Samstag, Januar 12, 2008

In einer der zahlreichen SMS-Weihnachts- und Silvestergrüße der jüngsten Vergangenheit las ich neben den üblichen Wünschen auch folgende Frage: »2008 der erste große Roman?« Gunnar wollte das wissen, und ich antwortete: »Ich wäre schon mit einem kleinen Roman zufrieden. Oder mit zwei, drei (brauchbaren) Kurzgeschichten.« (Nebenbei bemerkt: Gunnar ist einer der wenigen Menschen, die derartige Kurznachrichten stets mit einer persönlichen Note besonders machen. Merci dafür, Herr Lott.)
Just gestern Abend dachte ich wieder an diese SMS, als ich auf »Ein Roman in einem Jahr« stieß. Dürfte eine Mischung aus Ratgeber und Motivationsbuch sein, ich las Kapitel 1 bisher nur an. Viel spannender fand ich die Übungsaufgabe da:
Schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...
Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.
Innerhalb von einem Nichts an Zeit (halbe Stunde maximal) fielen mir folgende Minitextleins ein:
1) Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er mich an einen Zigeuner verkauft habe. Den Preis verriet er mir nicht. Aber ich muss wohl genug für eine dicke Zigarre eingebracht haben. Er machte sie sich vor meinen Augen an und blies mir den Rauch ins Gesicht.
»Er holt dich in einer halben Stunde ab. Mach dich fertig, du Schmarotzer.«
Ich hustete nicht, ging in die hinterste Ecke der Hütte zu meiner Schlafstatt, schnürte meine wenigen Schätze in ein Säcklein und setzte mich dann draußen auf die Bank, um zu warten. Mit meinem Vater sprach ich kein Wort mehr.
Wenig später sah ich eine Gestalt durch den Wald näher kommen. Zunächst erkannte ich nur einen Schatten zwischen den Bäumen. Als der Mann schließlich auf die Lichtung trat, brach die Sonne durch die Wolkendecke und hüllte ihn in gleißendes Strahlen. Ich stand auf und ging ihm beherzt entgegen.
»Hallo, mein Name ist Hubertus«, stellte ich mich vor.
»Hallo Hubertus, mein Name ist Jannik. Du gehörst nun zu mir«, entgegnete er mit einem Lächeln.
Schönere Worte hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört.

2) Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich ja wohl langsam mal die Sauerei von der Party beseitigen könne. Ich antwortete, dass das doch die Putze mache. Die käme in einer Stunde oder so.
»Dein Leben hätte ich gerne gehabt«, seufzte er und ließ mich wieder mit den drei blonden wie nackten Models allein.
Mein Vater ist echt 'ne Nummer.

3) Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich könne ihm mal den Buckel runter rutschen.
»Na schön, auf deine Verantwortung«, stimmte ich zu. Dann rutschte ich ihm den Buckel runter.
Ich ahne verdutzte Blicke auf Leserseite. Nun, man muss wissen, dass mein Vater der Watzmann ist. Und was für ein Glück wir übrigens hatten! Es war eine tiefe, mondlose Nacht und niemand, nicht mal meine Mutter, sah, was mein Vater und ich für einen Unsinn veranstalteten. Das hätte ja die ganze Geologie auf den Kopf gestellt. Sie glauben mir nicht? Ach, rutschen sie mir doch den Buckel runter!
Und nun der Bogen zu Gunnar. Der behauptete nämlich mal in einem Gespräch, dass wir beide wohl zu den Menschen gehören, die eine Aufgabe brauchen, um in die Hufe zu kommen. Ich wehre mich innerlich noch immer gegen diese Behauptung, aber ach ...

2 Comments:

Anonymous Apropos said...

Entschuldige, dass ich in Schwärmerei verfalle, aber ich liebe verkappte Literaten. Ein sehr sympathischer Text. Es steckt doch Kultur im Web...

Die 3. Variante kommt mir übrigens vage bekannt vor... die wurde aber nicht noch an anderer Stelle veröffentlicht, oder?

12:27  
Blogger Petra said...

Merci.
Und zu Variante 3: Nur auf der oben verlinkten Seite im Zuge dieser Übung da.

12:43  

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