Mittwoch, Mai 27, 2009

Fragment (2)

Der Bandit Bramar war in seinem Land gefürchtet wie kein zweiter. Nicht, weil er ein besonders grausamer Bandit war, nicht im üblichen Sinn. Regte sich bei einem Überfall auch nur der geringste Widerstand, ein leicht aufmüpfiger Blick reichte schon (und es gab immer einen aufmüpfigen Blick), dann begann er so herzer-weichend zu jammern, dass jeder lieber sein gesamtes Hab und Gut an ihn aushändigte, als länger seinem Klagen zuhören zu müssen. Bramar war der reichste Bandit weit und breit. Aber er war auch der einsamste. Die anderen seiner Zunft verachteten ihn. Doch jeder für sich beneidete Bramar um seinen Wohlstand, um die teuren Kleider, die er trug, um das stets üppige Essen, das auf seinem Tisch stand. Viele hatten sich auch schon mindestens einmal am Jammern probiert; allesamt erfolglos. Bramars Jammern war von einer ganz besonderen Art. Und nur der Bandit Truculento hätte sagen können, warum das so war, denn er war Bramars Bruder.
Truculento lebte in einem anderen Land und er überfiel andere Leute; ähnlich erfolgreich wie Bramar, nur ohne Gejammere. Truculento war hart und gnadenlos. Er wollte immer das Kostbarste. »Gib mir deinen kostbarsten Besitz!« forderte er bei seinen Überfällen. Präsentierte man ihm darauf sogleich etwas enorm Wertvolles, wusste er, dass man ihn betrügen wollte. »Das ist nicht dein kostbarster Besitz!« entgegnete er dann, zerstörte das, was man ihm geboten hatte und wiederholte sein Begehr, meistens mit schmerzhaftem Nachdruck. Truculento hatte schon viele umgebracht, weil sie ihm nicht ihr Kostbarstes gegeben hatten. Und er hatte mindestens genau so viele umgebracht, weil sie ihm genau das gegeben hatten: ihr Leben. Üblicherweise aber waren es Juwelen, Gemälde, Statuen oder edle Tiere, die er fortschleppte. Manchmal auch Männer, Frauen, Töchter, Söhne, Mütter, Väter. Er verkaufte alles und alle ...

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3 Comments:

Blogger 734 said...

Fragment (i) für i = (3,4,...)! Los! Los! :)

21:55  
Blogger Chris said...

Schreibstil gefällt wie so oft.
Nur der Inhalt spricht mich hier nicht so sehr an wie bei Fragment (1).

00:50  
Anonymous Anonym said...

Oh je, mich machen all die Fragmente - eigene und die anderer Leute - immer trauriger, desto gerner man sie weiterlesen würde ...

Wie auch immer: Zeit für Auftritt dritte Person. Ich könnte mir Phlox vorstellen, die Tochter des Sheriffs; die Banditen jagen muss, weil sie das Geschäft des Vaters übernehmen soll. Allerdings hat sie als kleines Mädchen einen Schulhofraudi im Affekt so böse verprügelt, dass sie fürderhin der Gewalt abschwor.

Also ist Phlox der einzige Gesetzeshüter, der bei einer Verfolgung vor den Verdächtigen her läuft - und zwar in Handschellen. Und dadurch die Beschützerinstinkte der Banditen weckt und sich retten lässt. Und retten kann man eben nur, wenn man seine Flucht auch unterbricht.

So geschieht es, dass einer der Brüder gefasst wird und ...

20:35  

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