Mittwoch, Februar 01, 2006

Problem ist nur ...

Man nehme einen Tag wie heute, der recht früh beginnt, weil irgendwelche Ost-Entwickler zu alberner Zeit irgendein Spiel präsentieren wollen. Man ärgere sich nach dem Aufstehen ein wenig über den trüben Himmel draußen, war doch gestern noch alles strahlend blau. Juchze dann auf der Fahrt ins Büro darüber, dass es nur lausiger Bodennebel ist, der verschwinden wird. Im Büro bespaße man ein bisschen die Ost-Entwickler, schaue sich das Programm mit gebührlichem Interesse an, notiere im Kopf den Satz »Okay, ich sah schon deutlich Schlimmeres...« und entlasse die drei nach gut einer Stunde. Dann arbeite man weiter, rede ein wenig parallel mit einem Vertreter der Konkurrenz, der die Meinung vertritt, man dürfe zur Konkurrenz keine öffentliche Meinung haben, was aber der eigenen Meinung widerspricht. Zwischenzeitlich freue man sich über die beiden neuen Praktikanten, die recht sympathisch wirken, auch wenn sie noch an Witzen der Kategorie »Mit solch schwuchteligen Präpositionen wie 'hinter' gebe ich mich erst gar nicht ab!« scheitern. Dann telefoniere man ein wenig mit einem schweinekomischen PR-Manager, den man leider viele Jahre für ausgesprochen unerträglich und dumm hielt. Zirka eine Stunde nach dem Telefonat nehme man die Preview-Version des beim PR-Managers georderten Programms entgegen, weil der PR-Manager in München sitzt und Stadtkuriere ordern kann. Dann fluche man. Weil die Preview in allen DVD-Laufwerken arbeitet, nur im eigenen nicht. Man gehe also in die Hardware-Abteilung und entleihe sich dort einen recht alten, aber funktionstüchtigen Brenner der Marke MSI, spare sich die Mühe, den im Gehäuse befindlichen Brenner auszubauen, sondern schließe das MSI-Etwas nur an die entsprechenden, vorher gelösten Kabel. Und bemerke im Anschluss, dass die DVD gelesen wird. Dann schaue man auf die Uhr, stelle fest, dass es bereits 17:40 Uhr ist und man die Arbeitsstätte ohne schlechtes Gewissen verlassen kann. Man sammle sein Zeug ein, schnappe sich die Jacke und parke den iPod in der Jackentasche, weil man auf keinen Fall die zirka 800 Meter zum Auto ohne Musik auskommen möchte. Man wünsche den Kollegen einen schönen Abend, begebe sich ins Erdgeschoss, verlasse das Gebäude, umrunde es, während der iPod Underworld, genauer Banstyle/Sappys Curry dudelt. Und dann geht man fast in die Knie. Und beginnt fast ein wenig zu heulen, so wunderbar ist es, was man sieht. Das Abendlicht, das ganz weich aufs Hochhaus am Münchner Tor fällt, an dessen Ecken diese blauen Lichter einen so herrlichen Kontrast zum Rot der Sonne und dem diffusen Grau des Himmels bilden. Und man ist für ein paar Sekunden im Frühling, trotz der -4°C. Man riecht die Erde, die Bäume, den Asphalt. Man möchte sofort ein Bier aus der Flasche trinken und statt der Jacke nur ein T-Shirt und Jeans oder vielleicht sogar albernerweise ein Kleid tragen. Man weiß gar nicht wohin mit all den Empfindungen, läuft ein bisschen haltlos kopflos über die Wiese, starrt ununterbrochen auf das Hochhaus, im Ohr noch immer Banstyle/Sappys Curry. Und ist voll von Dankbarkeit für diesen einen Moment. Für dieses Gefühl. Für dieses Glück. Problem ist nur: Man muss dafür ich sein.

12 Comments:

Blogger anmutunddemut said...

Nicht, dass ich Sappys Curry kennen würde oder die tägliche Beschaffenheit eines Arbeitstages in Absurdistan, aber im richtigen Moment die richtige Musik im Ohr zu haben ist wie eine Standleitung ins eigne Herz und man kann reichlich Glück uploaden,
für ein paar Minuten bis die ganze schöne Bandbreite wieder für profaneres vergeudet wird, wie Autofahren oder in die S-Bahn einsteigen.

21:40  
Blogger n¦tropie said...

schön.

21:52  
Blogger Pascal said...

mein mp3 player (iriver) weiß immer genau, wann ich welche musik hören will. und dafür liebe ich ihn.

00:06  
Blogger Herbert said...

Schließe mich ntropies Meinung an.

11:54  
Blogger Tulio said...

was herbert sagte.

13:18  
Blogger Melville said...

Heh. Sie haben Pfeffer in den Fingern. Umwerfend geschrieben.

Ausserdem mag ich die Art, wie Sie Absätze machen. Dieses "Prewiev-"-Dings.

Wahrscheinlich mag ich auch die Art, wie Sie Absätze tragen. Wenn Sie denn welche tragen.

13:42  
Blogger gamatex said...

omg ich will auch so schön schreiben können *heul*

ansonsten schliesse ich mich tulio an

14:39  
Blogger Dliessmgg said...

Kannst gamatex zitieren.

16:24  
Blogger Petra said...

ich bedanke mich artigst.

herr melville, sehen sie umbrüche, wo ich keine sehe? preview-dingens ist tatsächlich ein absatz (unsichtbar, wie ich hoffte), um den flattersatz weniger flatterig zu gestalten. zum thema absätze oder eher schuhe im allgemeinen gab es hier neulich erst was. irgendwo im dezember.

17:05  
Blogger Pixie said...

Naja...das mit den Witzen üben wir noch... ;-)

18:11  
Blogger Fallout_Boy said...

Man muss dafür gar nicht Sie sein, Frau S. Ehrlich nicht. Man braucht alternativ auch einfach nur ich zu sein. Und sich darüber freuen, dass einem sämtliche Produkte des eigenen Arbeitgebers zu Einkaufspreisen zur Verfügung stehen. Sie wissen schon: Hardware, Software, Consumer Electronic ... sogar Haushaltsgeräte. Ok, heute Abend gab's Blitzeis. Ok, auf dem Heimweg hat es auf der A2 gewaltig gekracht und ich stand im Stau. Ok, ich hätte selber beinahe einen Unfall verursacht. Aber mit einem Lächeln im Gesicht und diesem elektrisierenden Kribbeln im Bauch ist einfach vieles leichter. Und vieles schlicht egal.

22:38  
Blogger Schlunz said...

Du bist einfach klasse.

09:10  

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