Sonntag, November 23, 2008

Die Tragödie der Geburt*

Alter Text, dezent überarbeitet.
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Neulich, als ich mal morgens durch flaches Land gefahren wurde und meine Augen außer den Oberleitungen einer Bahntrasse nichts zum Festhalten hatten, überlegte ich kurz, wie denn meine Begleiter wohl aufgewachsen sein mochten. Gab das aber aufgrund mangelnden Interesses nach gefühlten 2,5 Nanosekunden wieder auf und sann über mein eigenes Großwerden nach. Dabei wurde mir bewusst, dass ich, wenn überhaupt in einem, dann auf jeden Fall im falschen Milieu groß geworden bin. Sehr blöd, dachte ich, wissen wir doch spätestens seit all den mit Preisen überhäuften Büchern, die wir nie lasen, dass die richtigen Milieus immer gehen.
Wenn ich beispielsweise in so einem Arbeiter-ohne-Arbeit-aber-mit-Hinterhof-inklusive-Wäscheleinen-Nachkriegs-Milieu groß geworden wäre, dann könnte ich super in Nahaufnahmen berichten, wie Mutter und Vater und Geschwister sich abends über die dünne Suppe hinweg anschwiegen, weil das Geld hinten und vorne nicht reichte und überhaupt alles ganz elend war. Inklusive des Wetters und der Wandfarbe. Klar auch, dass Mutter dabei stets weinte. Leise, denn sie war eine stille Frau.
Einen Stock unter uns wohnte Frau Clara. Die war Geigenlehrerin. Die trug immer eng anliegende Kleider mit mächtigen Ausschnitten, immer Hüte und rauchte immer französische Zigaretten mit immer spitzen, immer rot angemalten Lippen.
Im Haus links wohnten die Kurselowskis. Die hatten nur ein Kind. Heinke. Wir nannten ihn Humpel-Heini, weil sein rechtes Bein kürzer war als das linke. Humpel-Heini war, wie alle Humpel-Heinis, schmächtig. Und er trug eine Brille mit Gummizug um den Kopf sowie sommers wie winters die gleichen halblangen alten Krachledernen, in den kalten Monaten allerdings noch mit dicken, von seiner Mutter gestrickten Strumpfhosen dazu.
Heinke ist dann nach ein paar ungelenken Auftritten auf den Seiten 23, 24, 25, 44, 56, 57 sowie 58 (da waren wir gemeinsam auf dem Rummelplatz und haben Zuckerwatte geteilt, weil er mir Leid tat) eines sehr seltsamen Todes gestorben. Das war so ein Stephen-King-meets-Günter-Grass-Tod. Humpel-Heini fiel aus dem Fenster (oder wurde von seinem Vater gestoßen, der Alte soff ja immer) genau kopfüber in die volle Regentonne. Darin dürfte er dann wohl ertrunken sein. Sehr mysteriös. Jedenfalls waren wir uns danach nicht sicher, ob wir traurig oder erleichtert sein sollten, denn ganz ehrlich, die wenigen Passagen mit und über Humpel-Heini waren immer sehr unangenehm. Man wollte eigentlich überhaupt nicht wissen, wie dreckig es dem Kleinen ging.
Dann doch lieber die heulende Mutter oder Frau Clara. Aber das nur bis zu dem Moment, da sich herausstellte, dass Letztere total vereinsamt war und dieses ganze Getue nur als Maskerade diente. Dass sie in Wirklichkeit was ganz anderes als Geigenlehrerin war, hatten findige Leser ohnehin schon aus dem Subtext erfahren. Wir fanden sie jedenfalls auf Seite 123 tot in ihrer Wohnung. Und das auch nur, weil es vorher schon mehrere Seiten lang im Hausflur gestunken hatte.
Ich bin dann auf Seite 125 schlagartig halberwachsen geworden und in die Lehre gekommen, weil man ja auch irgendwann von ersten Küssen und so lesen will. Der erste Sex (Seite 145) -- kaum überraschend -- enttäuschend und schmerzhaft. Und zwar mit dem grobschlächtigen Sohn meines Meisters, obwohl mir eigentlich der schüchterne Rudolf vom Gemüsestand besser gefiel. Der erzählte immer schöne Geschichten, während er die Petersilie zu Sträußen band. Mutter roch den Braten, obwohl ich gar keinen in der Röhre hatte. Es gab riesigen Ärger: »Kind, mach nicht den gleichen Fehler wie ich!«
Darauf zig Seiten Überlegungen über die Tragweite des Wörtchens ›Fehler‹, nur unterbrochen durch Grabschereien vom Meistersohn und diversen Über-der-Suppe-Weinereien von Mutter, inklusive anklagendem Blick in meine Richtung. Auf Seite 193 setzte ich mich dann in die Bahn und fuhr nach Marzahn. Es schneite leicht.
Ende.
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*Titel eines Pädagogik-Seminars der Uni Köln. War Pflicht. War grauenvoll. Abschließend sagte mir der Dozent, er habe den Eindruck gehabt, ich hätte die Veranstaltung nicht ernst genommen. Immerhin.

6 Comments:

Blogger Chris said...

Hilariös! Danke! :-)

11:23  
Anonymous Sir H.C. said...

Eine kurzweilige Geschichte.

19:40  
Blogger Henk said...

Danke für die schöne Geschichte!

22:09  
Blogger Petra said...

Ich habe zu danken.

22:33  
Anonymous dLTexid@gmx.net said...

Wow, "Petras Reisetagebücher"

Wie lautet die ISBN-13?

Greetz, daLoT

01:00  
Blogger Petra said...

ISBN fällt aus wegen Sauwetter am Ende der Geschichte. ;-)

19:16  

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