Sonntag, August 12, 2007

Es war der Ehrgeiz

Vor einer Weile klingelte es an der Tür, obwohl ich niemanden erwartet hatte. Also dachte ich zunächst, es sei wieder nur einer der Nachbarn mit der Frage, ob mein Internet funktioniere oder ob ich von jemandem wüsste, der sich mit der Reparatur von Notebooks auskennt oder ob ich vielleicht das neueste Fifa-Spiel hätte. War aber kein Nachbar. Es war der Ehrgeiz. Und er war sauer, das merkte ich sofort. Naja, spätestens als er sich schnaubend an mir vorbeidrückte, durch den Flur rauschte und sich mit den Worten »Wir müssen reden!« im Wohnzimmer aufs Sofa schmiss, merkte ich, dass er sauer war.
Der Ehrgeiz, das muss man wissen, nimmt immer die Form von dem an, was man sich am sehnlichsten wünscht. Ich wünsche mir derzeit eine Aussicht am sehnlichsten. Man darf mir glauben, der Anblick einer hammermäßigen aber ziemlich wütenden Aussicht auf einem kleinen Zweisitzer-Sofa ist -- nun, seltsam wäre eine Untertreibung. Deswegen reagierte ich auch nicht gleich auf seine Worte, sondern stand nur da und starrte ihn an.
»Ich sagte, wir müssen reden!«
»Äh, ja. Ja, reden.«
»Also?«
»Äh, über was müssen wir reden?«
»Über uns. Über was sonst?«
»Ja, über was sonst? Magst du was trinken? Vielleicht einen Multivitaminsaft? Du siehst am Horizont etwas blass aus, wenn ich das sagen darf.«
Das mit dem Horizont war natürlich kompletter Quatsch. Der Horizont hatte die vollkommene Farbe. Aber jüngst hielt ich Multivitaminsaft mal für eine tolle Idee und kaufte gleich mehrere Flaschen. Als ich dann daheim den ersten Schluck nahm, fiel mir wieder ein, dass Multivitaminsaft eine der widerlichsten Erfindungen der Menschheit ist und ohne Scheu in einer Reihe mit Napalm und Lotus Notes genannt werden darf. Vor allem Multivitaminsaft mit Karotte. Bäh! Ich spekulierte ein wenig darauf, der Ehrgeiz würde mir einen Teil der Plörre wegtrinken.
»Nein! Ich will nichts trinken, ich will dir was sagen. Du hast mich nicht.«
»Stimmt. Wieso sollte ich dich auch hassen?«
»Hör mir zu!« fuhr er auf. »Ich meine, du hast mich nicht. Du hast keinen Funken Ehrgeiz in dir! Nicht mal ein Fünkchen. Seit ich dich kenne, bleibst du hinter deinen Möglichkeiten. Und ich kenne dich schon dein ganzes Leben. Ich will jetzt verdammt noch mal wissen, warum das so ist und was wir dagegen unternehmen können.«
»Oh. Das meinst du«, antwortete ich lahm.
»Oh ja, das meine ich«, entgegnete er schnippisch. »Also?«
»Hm. Lass mich nachdenken.«
»Dann denk mal nach.«
Sekunden wuchsen zu Minuten. Die Situation wurde ein wenig unangenehm, pardon, sie wurde noch unangenehmer. Außerdem fiel mir nichts ein. Wie auch, wenn eine perfekte Aussicht angenervt auf der Armlehne meines Sofas trommelt?
»Wir haben nicht ewig Zeit, Honey. Du bist schon 33.«
»Aber ich seh' aus wie 28. Höchstens.«
»Noch. Und lass die plumpen Ablenkungsversuche.«
»Dann halt die Berge still. Bei dem Getrommele kann ja niemand denken.«
Der Ehrgeiz sitzt noch immer da, hält die Berge still und wartet. Und ich denke noch immer nach. Manchmal hocke ich mich vor ihn und versuche, die Aussicht zu genießen. Soweit das geht. Sonderlich weit ist das nicht. Das Sofa stört.