Dienstag, September 02, 2008

Was wäre, wenn Adam und Eva niemals vom Apfelbaum genascht hätten?

Verdammt, dachte Gott. Wann kommen die beiden endlich aus dem Quark? Gott schlug mit der Hand auf einen Berg und stapfte irgendwo anders hin.
Eva saß am Ufer eines Bächleins und ließ die Füße ins Wasser baumeln. Sie spielte an ihren Brustwarzen und freute sich, wenn diese sich daraufhin regten. Ein netter Effekt, fand Eva. Nur wenige Meter weiter rechts lag Adam im Gras und schaute Eva desinteressiert zu. Bei ihm regte sich nichts.
Gar nicht weit weg von den beiden stand auf einer kleinen Anhöhe der tollste Apfelbaum, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Und daran hingen die appetitlichsten Äpfel, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Der Baum war zudem seit ein paar Stunden von einem schmeichelnden Licht umgeben. Bei dem Anblick wäre jeder Apfelliebhaber auf der Stelle im eigenen Sabber ertrunken, und jeder Werbefotograf hätte sich auf den Boden geworfen und geweint wie ein kleines Kind. Adam und Eva hingegen war der Baum völlig schnuppe. So schien es jedenfalls.
»Eva-Hase«, begann Adam, nachdem er ein paar Stachelbeeren von einem nahen Strauch gepflückt und gegessen hatte, »er tut mir langsam etwas leid.«
Eva schaute wie beiläufig auf den Baum.
»Mir nicht. Was erwartet er? So dumm … ach, vermaledeite Krux!«
»Jaja, blabla. Er schuf uns nach seinem Ebenbild. Und er ist dumm genug, anzunehmen, wir wären dumm genug, zuzugreifen. Folglich müssten wir also«, seufzte Adam.
»Pff!« quittierte Eva Adams Ausführungen. »Ich hab’s schon tausend Mal gesagt und sage es gerne erneut tausend Mal: Ich mache doch nicht Fehler, weil er welche macht. Und außerdem«, schickte sie hinterher, »glaube ich kaum, dass er auf Mitleid aus ist.«
Jedes Mal, wenn Eva über Gott und seinen Baum nachdachte, wurde sie wütend. »Ich meine, die Verbotsschilder um das Ding plus die ganzen Oh-Äpfel-sind-ja-so-gesund-Broschüren jeden Morgen im Paradies verstreut. Und jetzt noch dieses Licht! Das ist so offensichtlich eine Falle, dass es schon weh tut.«
»Darauf sind wir schon nach seiner ersten Ansprache gekommen. Trotzdem …«
»Nix trotzdem«, unterbrach Eva. »Ich bin nicht dämlich genug! Der kann mich!«
Gott, von plötzlichem Heißhunger auf Stachelbeeren in die Nähe der beiden getrieben, hatte den Dialog verfolgt. Oh Gott, dachte Gott, ich hab’s mit dem intelligenten Design übertrieben. Und mit einem Schnipp löschte er Adam, Eva, den Baum und den ganzen Rest und machte Platz für Plan B, die Evolution. Mal sehen, ob das klappt, dachte Gott.
Was also wäre, wenn Adam und Eva niemals vom Apfelbaum genascht hätten? Wir wissen, was wäre, denn es ist. Die Geschichte, wie es dazu kam, könnten sie aber vielleicht ihren Kindern oder Enkeln oder den Personen vor ihnen in der Schlange beim Bäcker erzählen, wenn die zufällig fragen sollten, warum manche Menschen dämlich genug sind, an so was wie das Paradies zu glauben.

Der Text entstand angeleiert durch den Wettbewerb des NZZ Folio. Ja, ich habe ihn eingeschickt, gestern Abend etwa eine Stunde vor Ablauf der Frist. Weil ich allerdings nicht glaube, dass er noch oder überhaupt berücksichtigt wird (schon wegen des kleinen Kniffs, der die eigentliche Aufgabenstellung komplett aushebelt) und weil ich es hasse, wenn Sachen von mir ungelesen rumgammeln, steht er nun hier.

15 Comments:

Anonymous chris@leer said...

Eine interessante und kurzweilige Geschichte, die auch ohne spezielle Auszeichnung lesenswert war und ist.

Hast Du beim Schreiben direkt die Zeichen gezählt oder wurde anschließend maßgeschneidert, damit Du gerade mal 8 Zeichen unter dem Limit bliebst? Eine Frage, deren Beantwortung mich auch übertragen auf Deine Arbeit interessieren würde. *g*

PS: (weil ich es grade erst bemerkt habe) Wenn die Äpfel am Baum so geschaut hätten, wie Flausensieb auf dem Portrait, dann wäre ich in Null Komma Nix aus dem Paradies geflogen. :o)
Und ich würde es keine Sekunde bereuen. 0:-)

11:07  
Blogger Petra said...

1. Merci.
2. Grundgefühl für Textlänge ist da. Gegen Ende etwas Feinarbeit, fertig.
3. Auf derartige Äußerungen bitte zukünftig verzichten. Danke.

20:22  
Blogger Annabel said...

Eine sehr lesenswerte Geschichte. Wirklich viel zu schade, um in einem Postfach eines NZZ Folio Mitarbeiters zu vergammeln und viel zu gut, um sie deinen Blogbesuchern vorzuenthalten.

23:30  
Blogger Mr.Elch said...

Schöner Text! Hätt ich Kinder, die ich zum Glück nicht habe, würd ich denen diese Geschichte erzählen! :-)

02:28  
Blogger Petra said...

Annabel, geheimlichst hoffe ich ja noch, dass die Geschichte eben nicht im Postfach eines Folio-Redakteurs (bzw. Redaktors) vergammelt.

Herr Elch, keine Kinder sind ein Glück? Hach, wie schön, dass noch jemand diese Meinung teilt. Ist mE aktuell sehr aus der Mode, diese Ansicht.

09:00  
Blogger Annabel said...

Dann bleibt zu hoffen, dass der betreffende Redaktor seinen Job macht. Sonst hat auch die Schweiz bald einen Gammelskandal.

11:01  
Blogger Lars said...

Nachdem die meisten Autoren in der Rubrik "Was wäre wenn..." ja einen Professorentitel haben, sehe ich deine Chancen nur verhalten optimistisch, auch wenn mir der Text gut gefällt. Und in Anbetracht des biblischen Szenarios gleich mit einer Masturbations-Sequenz einzusteigen, dürfte vielen NZZ-Lesern vielleicht doch zuviel der Schamesröte ins Gesicht treiben. Trotzdem viel Erfolg!

12:18  
Blogger Mr.Elch said...

@Petra: Jahaaa... und es ist noch unwahrscheinlicher in heutiger Zeit, das ein Mann und eine Frau dieser Ansicht sind, und geheiratet haben! Ist bei uns hier aber so passiert... Musste dafür aber schon über die Landesgrenze hinaus suchen... ;-)

13:28  
Anonymous Chris@Leer said...

@mr.elch&Petra: Auch wenn ich derzeit diese Ansicht 100%ig teile, so weiß ich doch jetzt schon, wie sehr ich es in spätestens 30-40 Jahren bereuen würde, diese Ansicht bis dahin durchzuziehen. Gerade bei der Einschulung meines Neffen und Patenkindes heute wurden mir diese 2 Seiten der Medaille wieder vor Augen geführt.

DK

18:02  
Anonymous Gnaur said...

Danke, dass Sie mal wieder was schreiben. Schöner, runder und wunderbar hintergründiger Text. Très bon!

PS: Sie würdigten den Baum mit Gleichgültigkeit!? Schämen Sie sich.

22:46  
Blogger Petra said...

Ja, Kackformulierung. Ich weiß. Ansonsten: Hach, großes DANKE!

22:55  
Anonymous genossemzk said...

Auch ein Danke mal hier so.
Sehr netter Text, perfekt als Abschluss meines abendlichen durch-die-blogs-lesens. Da hab ich noch was zum Nachdenken, was mich schön am schlafen hindern wird.

22:02  
Anonymous S.C. aus Z. said...

Brilliant. Ihre Texte sind immer wieder wunderbar zu lesen. Vielen Dank!
Und in dieser Kürze und Prägnanz dürften sogar wir Schweizer ihn verstehen - ich drücke die Daumen für ein mehr als angemessenes Plätzchen im Folio.

02:11  
Anonymous da.pf@gmx.de said...

hach frau schmitz,
dies tröpfchen,entsprungen aus dem füllhorn ihrer hirnwindungen, liess die meinen vor wonne freudig vibrierend brummen -
von meinem zwerchfell ganz zu schweigen ^^

mehr davon bitte!bitte!

ganz herzliche und freundliche grüsse,
hochachtungsvoll ihr
daniel pfaff

09:50  
Blogger Annabel said...

Hat sich mittlerweile ein Redaktor gemeldet?

12:21  
Blogger Petra said...

Japp. Standard-Mail: Sie sind leider nicht ... etc.pp.

09:06  

Kommentar veröffentlichen

<< Home