Montag, Oktober 31, 2005

»Na, bisse wieder an spielen?« fragt meine Mutter nicht selten als erstes bei den obligatorischen Wochenend-Anrufen. In dieser schnodderigen Art, die man wohl nicht vermeiden kann, wenn man wie sie im Ruhrpott aufgewachsen ist. Ich antworte dann nicht minder selten mit einem lässigen Jau. Und habe dabei nicht den Hauch eines schlechten Gewissens. Damals, als ich noch zuhause wohnte, war das anders. Vor allem ab Studiumsstart, denn damit begann für meine Mutter irgendwie mein Ernst des Lebens. Da war ihr Tonfall bei der gleichen Frage anders. Stets hochdeutsch, stets mit Nachdruck die Treppe hinauf in mein Zimmer gebrüllt. Blöd dann, wenn ich mein olles Billig-Headset trug, um mit den Clan-Kollegen im Internet rumzualbern, während wir andere Teams mit Granaten und Raketenwerfern daran zu hindern versuchten, unsere Flagge zu klauen und gleichzeitig Anstrengungen unternahmen, ihre zu ergattern. Denn logischerweise konnte ich so das Gebrülle nicht hören -- bei den ganzen Explosionen. Und so stand sie dann oft plötzlich hinter mir, riss mich aus der laufenden Partie und verpasste mir eine gehörige Standpauke -- ob der zwei Verbrechen, die ich gleichzeitig begangen hatte. Zum einen war es natürlich das Spielen selber. Brotlose Kunst, Zeitverschwendung. Ich hatte gefälligst über Phonetik- oder Grammatik-Büchern zu brüten. Zum anderen das Internet. Kostenfaktor hoch zehn. So ganz ohne die heute an fast jeder Ecke erhältliche Flatrate. Hässliche Telefonrechnungen hatten wir. So hässlich, dass mir manches Mal speiübel beim Anblick wurde. Weil ich den Großteil davon begleichen durfte, sofern es mein Nebenher-noch-arbeiten-Budget zuließ. Was nicht so oft vorkam. Immerhin musste ich noch ein Auto, ein Studentenleben und damit auch den Anteil an einer kleinen Wohnung in Köln finanzieren. Die teilte ich mir halbwöchentlich mit meinem damaligen Freund. BWLer, sehr, sehr eifrig. Und genau wie meine Mutter war auch er nicht sonderlich glücklich über meinen Zeitvertreib. Ich erinnere mich noch an die drollige Diskussion, die sich entspannte, als wir an einem Abend auf dem Weg zu einer Juristen-Party waren und an einem kleinen Computerladen vorbei kamen. Im Schaufenster die neueste Mouse-Keyboard-Kombi von Logitech. Ich war entzückt und verharrte eine Weile, schwärmte in güldenen Worten über dieses und jenes Feature der ausgestellten Eingabetechnik und addierte am Ende den Gedanken, mir selbige wohl bald zu Eigen zu machen -- um etwa beim Flaggenverteidigen und -klauen effektiver zu sein. Worauf er von Jetzt auf Gleich in einem entrüsteten Tonfall eine lange Rede schwang, deren Inhalt sich auf die folgenden zwei Sätze reduzieren ließ: »Du spinnst doch mit deiner Spielerei. Studier’ lieber ordentlich, damit du später eine vorzeigbare Mutter für unsere Kinder abgibst.« Ich war etwas konsterniert im ersten Moment. Das hatte er nicht wirklich so gemeint, oder? Das konnte er nicht so gemeint haben! Aber Tatsache. So war es. Im Folgenden versuchte ich ihm dann händeringend zu verklickern, dass ich absolut noch keine geistige Arbeit an Muttertum verschwendet hatte und es auch in den nächsten Jahren nicht zu tun gedachte. Ich war Studentin -- verflucht noch mal -- und hatte allein durch diesen Terminus ein Recht auf Spaß. Mein BWLer gab dann irgendwann klein bei, beruhigte meinen Puls mit Relativierungen. Jedoch nicht ohne Verweis darauf, dass er das Spielen noch immer doof fand. Das war ja auch okay. Er musste ja nicht. Ich fand es ja auch doof, dass er beim Schach über jedem Zug mindestens 30 Minuten grübelte – und am Ende immer gewann.
Irgendwann war der BWLer dann fertig mit seinem Studium. Ich hingegen noch lange nicht. Er zog nach Frankfurt, verdiente sich ’ne goldene Nase. (Ich glaube, es war bei Dresdner Kleinwort Benson. Heute Dresdner Kleinwort Wasserstein, wie mir Wikipedia, der beste Freund für Leute mit gesundem Halbwissen, verriet. Hach, ich konnte die Namen von nahezu allen großen Investmentbanken runterbeten, damals.) Wir sahen uns nur an den Wochenenden. Ich fand das sehr entspannend so. Dass ich das deswegen so entspannend fand, weil -- ach, vergängliches Zeug, die Liebe. Doch von Vergehen bis zu Verstehen gab es noch ein Teilstück Leben zurückzulegen. Während er in Frankfurt anderer Leute Geld hin und her verschob, frönte ich lediglich von meinen Eltern beargwöhnt meinem Laster. Und entschied schließlich, dass mich das Studium mal ganz schön lieb haben könne. Der Prozess bis zur Entscheidung war ein für die Zeit des bis dato Rumstudierten relativ kurzer. Von der Erkenntnis, dass ich nur noch aus Verlegenheit die Kopierer in den Bibliotheken in Beschlag nahm, bis zum Gedanken »Dann mach was anderes, du dumme Kuh!« dauerte es zirka fünf Monate. Von den meisten in meinem Umfeld unbemerkt. Dann Suche nach Alternativen. Dann Glück. Und dann GameStar. Und plötzlich war auch für den BWLer das Spielen okay. Mit dem wieder drei Monate späteren Umzug nach Bayern, dem neuen Leben, all den neuen Möglichkeiten war der BWLer aber für mich nicht mehr okay. Ganz schön arschig, was? Möchte aber in diesem Zusammenhang betonen, dass ich zu keiner Zeit unserer gemeinsamen Zeit Anteile an seiner goldenen Nase hatte. Der Vorwurf »Ja klar, das Geld hat dich bei ihm gehalten!« ist also nicht zulässig. Dennoch war es arschig. Mindestens genau so arschig wie sein plötzlicher Meinungswandel zum Thema Spielen. Und irgendwie sind wir so ja quit. Meinen Eltern habe ich übrigens nie Vorwürfe deswegen gemacht. Immerhin haben sie mir den Kram über lange, lange Jahre finanziert. Danke dafür.
Nun, ich dachte, ich erzähl’s mal.

Dienstag, Oktober 25, 2005

Wenn man morgens gänzlich schmerzfrei einen nachts in Befindlichkeitsbloggerlaune verfassten, ziemlich langen und gar nicht mal so üblen, weil mit ein paar hübschen erzählerischen Brücken durchzogenen Text über die kürzlich abgehaltene Hochzeit der ältesten Schwester, Familien-Leiden, Familien-Freuden, Erinnerungen, noch mehr Erinnerungen und die wunderbare Freundin aus den Drafts löscht, weil das alles eigentlich keine Sau was angeht, dann fühlt man sich für ein paar Sekunden herrlichst von den eigenen Innereien emanzipiert. Das hält aber nicht lange vor. Spätestens beim bewusst gewollten Anschmeißen eines Utopia von Goldfrapp isses schon wieder vorbei damit. In diesem Zusammenhang (da ist einer, wirklich!) kann deswegen mit Nachdruck erwähnt werden, dass das Oberbergische gerade an fies windigen Herbsttagen einen ganz besonderen Reiz ausübt. Den bemerkt man aber wahrscheinlich nur während einer »Melancholie? Jetzt!«-Überlandpartie, wenn man a) dort aufgewachsen und b) mit einer Mischung aus »Ach weh!« und »Juhu!« von dort fort gezogen ist.

Montag, Oktober 24, 2005

Wenn man um ca. 21:30 Uhr kurz vor dem Langenselbolder Dreieck mit ca. 190 km/h ein Wildwechsel-Schild wahrnimmt und ca. 800 Meter weiter einem sich des Straßeüberquerens noch nicht ganz schlüssigen Rehlein in die roten Augen blickt, weiß man, dass man sich die letzten ca. 750 Meter nicht verfahren hat.

Dienstag, Oktober 18, 2005

Manchmal glaube ich, dass Websiteaufbautempo in direktem Zusammenhang mit Entertastebearbeitungswucht steht.

Donnerstag, Oktober 13, 2005

Herbstliches HDRR. Außen wie innen.

Dienstag, Oktober 11, 2005

Ich könnte von diesem komischen Knubbel an meinem Handgelenk berichten, den ich gestern entdeckte. Den ich da schon mal hatte -- vor ca. drei Jahren. Und ich könnte davon berichten, dass ich mich nun frage, ob das der Versuch meines Körpers ist, mir eine Nachricht zu morsen. Und ich könnte zudem davon berichten, dass ich mich logischerweise nun frage, ob das nun • • oder — — war. Weil das ja hilfreich wäre, beim Entmorse-
coden später. Aber ehrlich, für einen derartigen Scheiß bin ich viel zu müde.

Donnerstag, Oktober 06, 2005

der herr paulsen erzählt. eine geschichte. der herr paulsen erzählt gewohnt gut. aber die geschichte ist eine seltsame. das ist so eine »mit jürgen vogel und meret becker verfilmt«-geschichte. (wenn meret becker gerade nicht vorrätig ist, tut es auch christiane paul. aber vogel muss sein.) im hintergrund spielt dazu irgendeine frontfrauen-band welterklärungslieder -- uneigentlich gesungen (danke an mo für den schönen ausdruck). so eine geschichte ist das, so eine »das leben ist eine baustelle«-geschichte -- über menschen, die man selber nie trifft, die vielleicht so gar nicht existieren. und man ist vielleicht ob des ersten vielleichts dankbar, weil man die nämlich genauso vielleicht gar nicht treffen möchte, diese menschen. vielleicht, weil die es fertig brächten, dass man sich ganz abartig normal und langweilig vorkäme. und das will ja keiner.
geschichten dieser art hinterlassen bei mir immer ein gefühl des unwohlseins. vergleichbar mit dem gefühl des unwohlseins, das ich nach erstmaligem schauen von event horizon hatte. nur ganz anders.

p.s. die kleinschreibung ist nur ausdruck meiner individualität müdigkeit. kommt nicht wieder vor.
p.p.s. die wortwiederholungen sind nur ausdruck meiner individualität müdigkeit. kommen sicher wieder vor.