Montag, Dezember 31, 2007

Okay, gelogen. Ich hab gar nicht, wie eins weiter unten behauptet, die ganze Feiertagsfreizeit mit Turnen gegen den Dritten Kreuzzug verbracht, sondern ich saß auch einfach mal nur so rum und versuchte, Löcher in 90 Zentimeter dicke Bruchsteinmauern zu starren, was mir wohl wegen der darüber gespannten Tapeten nicht gelang. Oder ich unterhielt mich mit meiner Mutter über die seltsamen Attitüden der Mittefuffzich-Nachbarin, die noch immer steif und fest behauptet, sie und ihr Dauerfreund würden getrennt nächtigen. Das ist nicht mal das Interessante. Interessant ist, dass sie das sogar behauptet, wenn niemand Anlass zum Behaupten gibt:
»Sieht nach Regen aus.«
»Der Peter und ich, also wir schlafen ja in getrennten Zimmern.«
Nach dem Satz muss man sich unbedingt noch ein gequiektes »Period!« dazu denken, auch wenn die Mittefuffzich-Nachbarin gar nicht Englisch spricht.
Oder ich las. Ich las die Rückseiten der Shampoo-Flaschen unter der Dusche. Ich las die Bergische Landeszeitung. Letzteres macht große Freude, wenn man einen Rotstift zur Hand hat. Mindestens die Hälfte des Lokalteils schreit immer nach dem Klassiker: ganzen Artikel durchstreichen plus »Neu und anders!« daneben kritzeln. Dabei genervt mit den Augen rollen.
Ich las auch den neuen Goldt (QQ) zur Hälfte, dann verschenkte ich ihn. Beim Erstehen sorgsam kalkuliert: »Hui, kannste bis zur festlichen Übergabe vorschnabulieren. Jedoch Obacht dabei, Frau Schmitz! Schokolade vermeiden! Flecken vermeiden!« Schlag ich also das Buch abends im schokofreien Bett mit spitzen Fingern auf und entdecke auf den ersten beiden Seiten Daumenabdrücke. Zwar eindeutig welche auf Druckerschwärzebasis, aber! Also!
Auch las ich den neuen Kaminer (Mein Leben im Schrebergarten) halb und lese nun den Rest. Und ich las in Gänze Gernhardts Toscana-Therapie, was leicht war, weil kurz, weil Schauspiel und weil gefällig geschrieben. Ich las sogar, weil's gar so kurz war und der Vormittag so lang noch, die Zusammenfassung auf Seite 2. Auf Seite 2 auch eine Kritik, aus marktschreierischen Gründen dort platziert. Die muss ich jetzt mal fix in Gänze niedertippen:
»Wir sind durchschaut. Robert Gernhardt, der leise Chronist in Bildern und Worten, kennt uns alle. Er weiß vor allem in der sogenannten Szene Bescheid mit den grau gewordenen Alt-68ern und den immer unheimlich spontanen Jungintellektuellen. Gernhardt ist ein witziges Stück gelungen, das manchmal fast Oscar Wilde erreicht.« Nürnberger Nachrichten
Man soll ja nicht schlecht über Tote reden. Und weil der Herr Gernhardt -- über den ich weder beileibe noch entleibt schlecht reden möchte, auch wenn er für alle (auch die miesen!) Otto-Filme mitverantwortlich war -- bereits tot ist, könnte es ja durchaus angehen, dass der Herr Nürnberger Nachrichten auch schon das Zeitliche gesegnet hat, immerhin schrieb er die Kritik 1986. Aber bitte, wir wissen: Wäre Nettigkeit gegenüber Vermoderten Gesetz, wären ganze ZDF-Doku-Abende keine, sondern ZDF-irgendwas-anderes-aber-wahrscheinlich-mit-Pilcher-Abende. Doch hätte ich eigentlich Anlass, über den Herrn Nürnberger Nachrichten zu stinkern, ist das nicht alles ziemlich sehr Lappalie? Sicher, gestehe ich einsichtig. Na dann eben so: Wäre ich 1986 Robert Gernhardt gewesen, hätte ich dem Herrn Nürnberger Nachrichten einen nasereizenden Haufen vor die Tür gesetzt, darin ein Wimpel auf dem »Was meinen Sie, Sie blasierter Nürnberger-Nachrichten-Clown? Wieder fast Oscar Wilde erreicht? Und wo ist überhaupt Nürnberg?« zu lesen gewesen wäre. Bei meiner Seel und der heute Jahrestag feiernden Zeitverschwendung hier: Das wäre zumindest ein erster möglicher wie nachvollziehbarer Rache-Impuls gewesen. Dann aber wäre Gernhardt vom »fast Oscar Wilde« am Ende noch mal zum »durchschaut« am Anfang gehüpft und hätte den Herrn Nürnberger Nachrichten vielleicht nur kurz angerufen und »Sie haben Recht!« gesagt.

Dieser recht lange Text entstand lediglich, um der Botschaft, dass dieses Blog heute Vierten feiert, einen Rahmen zu verpassen. Ich wollte noch Torte unterbringen, dann aber fiel mir ein, dass ich am ersten Weihnachtstag bereits zwei Stücke Käsesahne hatte.
Meine Mutter betitelte etwas, ich weiß nicht mehr, was und in welchem Zusammenhang als den »Plunder der Natur«, Astrid erzählte von einer 14-jährigen mit Kinderwunsch, die die Ernsthaftigkeit ihrer Verwirrung mit »Wir haben schon einen Nuki und einen Namen!« untermauerte, und Thorsten, Astrids Freund, entschied sehr treffend, dass das Rumfahren von Nummern-schildern mit Initialen und Geburtsjahr wie das Sammeln von Diddelmäusen sei. Das ist alles, was mir an bemerkenswerten Worten der Feiertage im Sinn geblieben ist. Erstaunlich, habe ich doch nicht mal und entgegen der Tradition gesoffen. Ich kann das nicht mehr, obwohl ich nach wie vor gerne leicht angeschickert bin. Aber das, was danach folgt, ist nicht mehr meins.
Apropos »was danach folgt« und »Nummernschilder«: Freitag, Abreisetag. Leider auch Suppige-Luft-Tag und Total-volle-Auto-bahn-weil-alle-Welt-zum-silvesterlichen-Pistenplattwalzen-unterwegs-Tag. Weil Landschaft wegen Suppe nicht zum Gucken verfügbar und Reisetempo sich bei etwa 100 km/h eingeschlichen hatte, blieb mir nur das durch Buchstabenreizaugen bedingte Kennzeichen-Assoziationsspiel: MSP? Muspelheim, Feuerriesen, Götterdämmerung. Dazu passend LIF. KH? Gleich zweifach ärgerlich, weil a) leider nicht Ke(h)lheim, dabei würd's so hübsch passen, bekomme ich b) bei dem Kürzel doch soooooo'n Hals. GAP? Doofe, weil sich ständig nach außen drehende Wickelpulli-Zierbündchen. TS? Teamspeak. AB ist ganz furchtbar: Titanic-Kleinanzeigen, Hochzeitsvideo-Terror. Und Arschaffenburg, Arschaffenburg, Arschaffenburg. Immer! Ich kann das nicht abstellen.
Immerhin kleine Freude durch zu viel Spiel während der freien Feiertagsstunden eigenmanipulierte Sinne kurz nach Tourbeginn: Komme an der evangelischen Kirche in Klaswipper vorbei und denke beim Anblick des vertrauten Glockenturms: »Zuerst da über die Seite rauf, dann am Fenster weiter hoch, das kleine Metallkreuz entlang und -- schwupps -- oben. Fehlen nur noch der Lande- und Startbalken für den Adler. Und der Adler fehlt auch. Aber ansonsten 1A Assassin's Creed-tauglicher Turm.«
Ansonsten übrigens: Ansonsten war's sehr schön daheim. So schön, dass ich sogar während meines Daseins Heimweh hatte.

Sonntag, Dezember 23, 2007

Hier keine Jammerverzällsche über Weihnachtsgeschenke-einkaufsterror, dazu bei Bedarf bitte beliebige andere Blogs konsultieren. Hier nur zwei knuffige Zitate:
  • »[...]Doch um die Menschen nicht zu hassen, muss ich den Umgang unterlassen.« (Caspar David Friedrich)
  • »Oh, das reimt sich ja - und was sich reimt, ist gut!« (Pumuckl)

Mittwoch, Dezember 19, 2007

Cartoon ohne Zeichnung (3)

Wenn in Costa Rica der Winter schließlich endet, sind die Straßenreinigungsbetriebe tagelang damit beschäftigt, den Bananensplitt von den Wegen zu kehren.

Dienstag, Dezember 18, 2007

Niemals verwechsle ich Moränen mit Muränen. Ich freue mich immer darüber, kommt mir mal das eine eine oder das andere in den Weg, weil man die beiden doch so leicht verwechseln kann. Sitze ich also im superbiederen Kongressrestaurant am Zürichsee, höre mit dem einen Ohr, wie Herr Melville über Moränen referiert, höre mit dem anderen Ohr Led Zeppelins »Whole Lotta Love« in einer Live-Version und denke dazwischen: »Ich verwechsel ja niemals Moränen mit Muränen. Wie toll!« Dabei verspeise ich schwedische Torte.
Vielleicht liegt es daran, dass ich Muränen im Gegensatz zu Moränen unheimlich finde. Nicht, dass mir Muränen je was getan hätten oder dass ich gar mal einer leibhaftig begegnet wäre, aber als Kind sah ich den Film »Die Tiefe«. In dem werden gleich mehrere Taucher von einer Muräne angefallen, nachdem man durch total romantisch schwebende Korallenrifffische geschwommen ist. Glaube ich. Kinder kann man durch sowas ja noch aufs Glatteis führen. Erst einen liebreizenden Unterwasser-streichelzoo zeigen und dann blutrünstige Bestien aus Felsspalten schnellen lassen. Sähe ich den Film heute, würde ich gähnen, weil ich um dramaturgische Mittelchen weiß und zudem noch weiß, dass das Buch, auf dem der Film basiert, von Peter Benchley ist. Der Mann hat vorher schon den weißen Hai ins soziale Aus gestellt. Wie auch immer, jedenfalls haben sich garstige Erinnerungen an Muränen in meinem Denken abgelagert. Abgelagert ist hier auch mal ein doofes Wort, bin ich doch dadurch versucht, einen mäßigen Witz im Dunstkreis von »Erinnerungsendmuräne« zu reißen. Ich lass es.
Apropos Fische: Ein ehemaliger Kollege von mir verwechselte Lemminge lange Zeit mit Fischen. Oder anders: Er glaubte, Lemminge seien Fische. Das war ein großes Hallo, als ich ihm die Wahrheit präsentierte. Der gleiche Kollege betitelte Bielefeld auch mal als das »Herz des Ruhrgebiets«. Dabei wissen wir alle, dass Bielefeld nicht existiert, schon gar nicht im Ruhrgebiet. Die logische Schlussfolgerung wäre: Das Ruhrgebiet ist herzlos. Könnte ich gelten lassen, mir nämlich schnuppe, doch ich fürchte, Tausende von Kumpels stehen dann bald vor meiner Tür und malen mit Spitzhacken Protestsongs in die Luft, die von Herbert Grönemeyer simultangesungen werden. Das wäre mir nicht schnuppe. Also behaupte ich: Das Herz des Ruhrgebiets ist Herne. Wegen der Lage und wegen des Autokennzeichens HER. Menschen aus Dortmund, Bochum oder Essen sollen nur kommen und motzen, denen sage ich, dass ein Herz mal gerade 0,5 Prozent des Körpergewichts ausmacht. Danach ist Ruhe.
Apropos Essen: Ein anderer Kollege wäre gerne nebenberuflich Obermufti im Pressereferat von Essen. Aus Jux und Dollerei würde er die ganze Stadt mit Plakaten pflastern, auf denen dann Zeugs wie »Essen ist fertig!«, »Essen schmeckt!«, »Essen macht dick!« oder »Gut Essen!« oder so steht. Gäbe es entsprechende Anfeindungen, würde ich noch »Komm nach Essen, dort mundet's besser!« vorschlagen. Und wenn man auf Nummer Sicher gegen will, schreibt man »dort mundet's« eben zusammen und groß.
Ich bin übrigens sehr glücklich, dass ich nicht in Essen wohne und dass Essen noch dazu nicht an der Ruhr liegt, denn wäre beides gegeben, müsste ich dauernd an schlimmen Durchfall denken.

Donnerstag, Dezember 13, 2007

Is klar, Frau Schmitz! Lost doof, aber Heroes großartig finden.

(Und bitte, man schaut die Serie auf keinen Fall in der deutschen Fassung, in der sogar die japanischen Dialoge synchronsiert sind.)

Samstag, Dezember 08, 2007

Ich bekomme durchaus den einen oder anderen Leserbrief (via Mail) ins Büro. Zumeist gibt es darin Anfragen wie »Spiel XYZ« läuft nicht (mehr). Liebe Petra, was kann ich tun?« oder »Spiel XYZ läuft nicht (mehr). Liebe Petra, was kann ich tun?«. Zuweilen aber auch »Spiel XYZ läuft nicht (mehr). Liebe Petra, was kann ich tun?«. Ich weiß, das ist alles wenig überraschend, und ich helfe gern, wenn ich kann.
Neulich aber erhielt ich ausnahmesweise mal mehr als erstaunliche Post. Relativ lange obendrein. In der ging es ausnahmslos um einen BH. Genauer: Es ging um meinen BH*. Den man in diesem Video** minimalst durch die Knopfleiste der Bluse erkennen kann. Und dass das ja so nicht beabsichtigt gewesen sein kann. Also dass man meinen BH minimalst durch die Knopfleiste der Bluse erkennen kann. O tempora, o mores! Und ich dachte folgendes: »Nun ja, in Zeiten in denen solche Reden gehalten werden müssen, darf ich mich über derartige Denkweisen nun auch nicht mehr wundern. Fehlen nur noch etwa drei Stunden Wartezeit für Ausländer bei der Einreise inklusiver lustiger Fragen über Reisegrund sowie eventuelle Sprengstoffmitbringsel. Und die eine oder andere von RTL und Co. produzierte War-on-Terror-Action-Serie.« Ich weiß zudem: Auch ich neige zu Übertreibungen.

*Passenderweise kleinkariert. In Grün-weiß.
**Funktioniert so: Wir sitzen komplett ahnungslos vor der Kamera, bekommen Stichworte und los geht's.

Mittwoch, Dezember 05, 2007

Wenige Meter sind nicht nur für den LKW-Fahrer entscheidend, der seinen 20-Tonner abrupt stoppen muss. Oder für den Spreng-stoffexperten. Oder für den Basejumper. Oder, oder, oder.


Blick aus altem Büro.


Blick aus neuem Büro. Liegt nur wenige Meter neben dem alten.

Montag, Dezember 03, 2007

Hier sollte eigentlich ein ätzender wie langer Kommentar über die komplette Hirnlosigkeit dieser Serie stehen, dieser »Oh, meine Frau ist schwer verunglückt und ruft vom Sterbebett nach mir? Ich würde ja zu gern kommen, um den blutigen Fleischklumpen, der mal ihre Hand war, zu halten, aber heute Abend küsst Kate sicher Jack. Oder Sawyer. Und Locke latscht durch den Busch und rettet Heroinsüchtige, während der Dicke ... Wie heißt der gleich? Naja, Sie wissen schon. Richten Sie meiner Frau jedenfalls aus, ich käme dann gleich morgen früh.«-Serie, die ich ja eigentlich wegen der auch nach Wochen noch schniegelglatten Frauenachseln und -beine nicht schauen wollte, die ich aber dann doch eineinhalb-staffelig schaute, weil ich ein großer Fan des berühmtesten Adenauer-Zitats bin -- und grausam neugierig obendrein, doch unter uns: Wenn nach einem Flugzeugabsturz über 40 Menschen über 50 Tage auf einer gigantischen Insel abhängen, sich wechselweise entführen, retten, umbringen, ins Meer spülen, foltern oder zumindest von Visionen oder Zahlen belästigen lassen und niemand wirklich auf die Idee kommt, mal am Strand entlang die -- ich sag's gerne erneut -- gigantische Insel zu umrunden (die jämmerliche »Ich bin ein schlechter Mensch und muss deswegen allein sein«-Aktion des Irakers lasse ich nicht gelten), weil ja irgendwo auf der anderen Seite der -- abermals -- gigantischen Insel durchaus Flug- oder Nurhafen, All-Inclusive-Urlaubsresort oder meinetwegen lediglich Eingeborene, die sich im Uhrzeigersinn rote Muschelkettchen und gegen den Uhrzeigersinn weiße Muschelarmreifen zustecken, warten könnten, dann kann ich nur über meine eigene Hirnlosigkeit heulen, dass ich mir diesen Quatsch so lange angetan habe.