Donnerstag, Februar 15, 2007

Die Vegetarier Annegret, Kai-Uwe, Jens, Babette (die eigentlich Marta hieß) und Willi (der eigentlich Helmut hieß und auch kein Vegetarier war, sondern lediglich mit Annegret ficken wollte) standen am Fuß des Eisbergsalateisbergs (der eigentlich kein Eisberg war, sondern nur aus marketingtechnischen Gründen so hieß) und schauten angestrengt zum Gipfel hinauf. Auf dem Gipfel stand das Hauptquartier der internationalen Eisbergsalatpro-duktionsfirma »Prisonerfresh« (die in Weilheim-Schongau gegründet worden war und eigentlich »Knackifrisch« hieß, aber sich aus marketingtechnischen Gründen einen englischen Namen zugelegt hatte, doch blöderweise sprach niemand in der Marke-tingabteilung Englisch). Annegret, Kai-Uwe, Jens, Babette und Willi wollten dort gegen die laschen, wasserlosen, in Cellophan verpackten Eisbergsalate protestieren, die es immer im Winter zu kaufen gibt. »Für mehr Wasser im Eis!« -- so lautet das Motto der Aktion.
»Boah, schon das Hochschauen strengt an!« maulte Jens. »Wie anstrengend muss dann erst das Hochsteigen sein?«
»Ich brauche morgen bestimmt eine Nackenmassage«, jammerte Kai-Uwe wenig originell.
»Mir tun schon die Augen weh«, stimmte Babette mit ein.
Willi sagte gar nichts, der war kurz hinter einem Findling verschwunden, um zu onanieren.
»Also«, schnaubte Annegret, die Anführerin, »also Leute! Wir mögen zwar verblendete Idealisten sein, aber wir haben unsere Ideale. Und für die lohnt es sich zu kämpfen. Für mehr Wasser im Eis!« Den letzten Satz schrie sie.
»Für mehr Wasser im Eis!« kam es hinter dem Findling hervor, gefolgt von einem Stöhnen.
»Na gut«, gaben Kai-Uwe, Jens und Babette klein bei.
Man wartete noch auf Willi, schulterte dann die Brustbeutel und begann den Aufstieg.
Nach etwa zwei Stunden und etwa 200 zurückgelegten Nur-, nicht Höhenmetern erreichten die fünf das Protestanten-Basislager, das sich bisher geschickt hinter ein paar Würstchenbuden und bunten Wimpeln auf einem ehemaligen Parkplatz versteckt hatte. Man wäre dort natürlich viel früher angekommen, wäre man die leicht kurvige Straße entlang gegangen, aber man hatte die direkte Route den Schotterhang hinauf gewählt, und Babette trug offene High Heels, mit denen sie ständig im Geröll hängen geblieben war und in denen sich ständig Steinchen unter ihren Zehen gesammelt hatten. Was ja ganz super für die Geschichte ist, bekommt sie doch wenigstens hier eine, wenn auch abgedroschene Moral, nämlich die vom kürzesten Weg, der nicht immer der schnellste sein muss.
»Was ist denn das hier, bitteschön?« Kai-Uwe tat entrüstet.
»Das steht doch auf dem Schild, das zwischen dem Handymast und der Bushaltestelle gespannt ist. Das ist das Protestanten-Basis-lager«, klärte Annegret angewidert auf. Was sie angewidert hatte -- das Basislager, die Würstchenbuden oder Kai-Uwes saudoofe Frage -- sollte auf ewig ihr Geheimnis bleiben.
Dass das mit den Würstchenbuden allerdings so eine Sache bei Annegret ist, klärt sich im Folgenden. Jedoch nur für uns, weil die anderen vier aufs Klo gehen.
»Ich muss mal aufs Klo«, sagte Jens. Er hatte auf dem Weg ins Basislager zwei Beutel isotonische Kochsalzlösung wegen der Elektrolyte und zwei Flaschen Wasser wegen des Salzes in der Kochsalzlösung leer geschlürft.
»Ich komm’ mit.« Kai-Uwe wurde Annegrets Blick zusehends unangenehm.
»Au ja, Schwanzvergleich,« jubilierte Willi, der darauf spekulierte, dass Kai-Uwe und Jens hinterher geknickt aussähen und Annegret daraus die richtigen Schlüsse zöge.
»Ich bin Schiedsrichterin«, entschied Babette, die nicht mit Annegret allein bleiben wollte. In Annegrets Nähe fühlte sich Babette nämlich stets ein wenig unwohl, weil Annegret all das war, was Babette gerne gewesen wäre und das sogar ohne Namens-änderung. Zudem bot die Toilette eine gute Gelegenheit, die malvefarbenen Kontaktlinsen wieder zurecht zu rücken. Die waren bei der ganzen Steinchenpulerei verrutscht.
Die vier machten sich auf den Weg zur gigantischen Unisex-Toi-lettenanlage, die hinter dem Spielplatz (Zutritt ab 4 Jahre, darunter nur mit Aufsichtsperson) stand. Annegret hörte noch, wie Willi die drei anderen fragte, ob sie wüssten, warum in Frank Herberts Der Wüstenplanet die Formulierung »Nun piss dich mal nicht an!« fehle, die Antwort hörte sie nicht mehr. Sie rief ihren Begleitern noch »Lasst euch Zeit!« hinterher, atmete einmal tief durch und schlenderte dann zu den Würstchenbuden, um die Schilder und Auslagen anzuschauen.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, danke. Ich schaue nur.«
»Sie sind wohl auch eine von diesen, was?«
»Eine von diesen?«
»Eine von diesen Gemüsefressern.«
»Ja, das bin ich.«
Dieser Dialog wiederholte sich genau so exakt vier Mal, bis Annegret an Bude Nummer 5 ankam.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, danke. Ich schaue nur.«
»Sie schauen nicht, Sie starren. Sie starren auf die Schweinsbratwürstl. Und zwar recht seltsam.«
»Seltsam?«
»Ich finde, man kann diese Mischung aus Abscheu und Geilheit schon als seltsam bezeichnen. Haben Sie einen Schweinswürstlfetisch, mit dem Sie nicht klar kommen?«
»Sie sind ein sehr guter Beobachter. Wie kommt das?«
»Kennen Sie Das Schweigen der Lämmer?«
»Kenn ich. Film.«
»Auch ein Buch, aber das nur nebenbei, ist beides nicht sonderlich toll. Aber da ist dieser Deal zwischen dem Kannibalen und der Agentin.«
»Sie meinen dieses quid pro quo? Ich erkläre Ihnen also meinen Blick und Sie erklären mir, warum Sie ihn bemerkt haben?«
»Genau.«
»Na gut. Setzen wir uns hinter Ihre Bude. Haben Sie was zu rauchen?«
Der Würstchenverkäufer nahm seine Schürze ab, schnappte sich eine Schachtel Zigaretten und trat dann hinten aus der Hütte hinaus. Annegret erwartete ihn schon. Sie hatte sich auf einen großen Stein gesetzt.
»Also?« fragte der Mann, während er sich an die Holzwand lehnte und sich eine Zigarette anzündete.
»Ich bin ein Schwein.«
»Nun, das sind wir alle. Geht’s genauer?« Er reichte Annegret die Zigarettenschachtel.
»Na gut, ich bin eine Sau. Aber nun Sie.«
»Ich bin gar kein Würstchenverkäufer, ich gebe mich nur temporär als einer aus. Zigarette?«
»Dachte ich mir. Und nein, ich rauche nicht.«
Aber um das Ganze kürzer zu gestalten, man will ja vielleicht auch mal irgendwann ins Bett oder zum Bäcker, hier eine Zusammenfassung: Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass Annegret in einer Rückführung unter Hypnose erfahren hatte, dass sie zuerst als Schwein auf die Welt gekommen war und zwar auf einem Bauernhof in der Uckermark. Da war es ihr angeblich saumäßig super gegangen: den ganzen Tag draußen, Dreck reichlich und Schweinkram sowieso. Im nächsten Leben wurde sie deswegen wieder Schwein, es gab ja keinen Anlass, was anderes auszuprobieren. Blöderweise wurde sie das aber nicht auf einem Bauernhof in der Uckermark, sondern in Grub nahe Poing nahe München. Als Nutzvieh in Grub nahe Poing nahe München auf die Welt zu kommen oder überhaupt östlich von München als Nutzvieh auf die Welt zu kommen, ist in zehn von zehn Fällen kein Salzsteinschlecken. Im Osten von München, wo Platz ohne Ende ist und Schwein, Kuh und der ganze Rest Wochen damit verbringen könnten, zum Horizont zu laufen ohne anzukommen, wenn sie nur wollen würden, was sie ja nicht wollen, weil Schwein und Kuh und der ganze Rest nicht dafür bekannt sind, dem Horizont irgendwas abzugewinnen, weswegen auch keine Gefahr bestünde, dass Schweine-, Kuh- und Restfleisch von der ganzen Rennerei zu sehnig werden würden und sich nicht mehr verkaufen ließen, also da im Osten kam Annegret in einem winzig kleinen Stall auf die Welt und blieb dort auch bis zum Ende ihres Lebens, während sich draußen auf dem ganzen Platz bis zum Horizont die Futterpflanzen die Stängel in den Boden standen. Selbst der Hund des Bauern führt ein besseres Leben als ich, dachte Annegret oft. Wenig verwunderlich also, dass sie im nächsten Leben Hund wurde. Sie wurde der putzige Kleinsthund einer alten, allein stehenden Dame, die Annegret bei Regen in ein Hunderegencape steckte, ihr bei Sonnenschein ein neckisches Hütchen aufsetzte und von Tellern am Tisch fressen ließ. Und Annegret dachte: Mensch Meier! Die Folge: Annegret wurde Annegret der Mensch; nach der Rückführung ziemlich froh darüber, nicht so was wie „Ach, du grüne Neune!“ gedacht zu haben.
Die Geschichte des Würstchenverkäufers ist weniger spektakulär, der war nur die Vertretung für seinen Bruder und im sonstigen Leben Psychologe.
»Deswegen also diese Das-Schweigen-der-Lämmer-Nummer.«
»Ja, ich dachte, das könnte passen, auch wenn bei Ihnen die Lämmer fehlen. Sagen Sie, wer hat denn die Rückführung gemacht?«
»Das war meine Mutter. Die hatte damals einen VHS-Kurs für Kaffeekränzchen-Hokuspokus begonnen und wollte für eine Prüfung üben.«
»Ah ja. Wissen Sie, bei Anfängern geht da gerne mal was schief. Würde mich nicht wundern, wenn Ihre Mutter Sie in die Vorleben der Nachbarin, des Postboten oder Ihrer Katze zurückgeführt hat.«
»Wir hatten nur einen Wellensittich. Und jetzt?«
»Und jetzt?«
»Ich erwarte jetzt ein Psychogramm.«
»Geht nicht, Sie haben auf einem Stein gesessen und ich hab’ an einer Holzwand gelehnt. Will meinen: kein Sofa, kein Sessel, kein Psychogramm. Wollen Sie statt dessen ein Würstchen?«
»Kostet?«
»3,49 Euro.«
»Teuer. Ökowürstchen?«
»Ja.«
»Dann nehme ich zwei.«
[Wird fortgesetzt. Irgendwann.]

Donnerstag, Oktober 19, 2006

Endlich geschafft: Mein erster SZ-Kurzkrimi ist fertig. Hier nun exklusiv (höhö) die Fassung, die mir von vier existenten Fassungen am meisten zusagt. Lesewalkthrough: Das Kursive ist die Vorlage der SZ, stammt aus dem Roman 'Die dunkle Seite des Mondes' von Martin Suter. Suter, das muss ich anmerken, hat entweder keinen oder einen sehr mittelmäßigen bis schlechten Lektor. 'Aufgeklärter' Himmel über 'kahler Waldkuppel'? WTF?

Nur ein Unfall

Der Himmel über der kahlen Waldkuppel hatte sich aufgeklärt. Zwischen den silbernen Buchenstämmen glänzte das Laub in der Nachmittagssonne. Urs Blank überlegte, wann er das letzte Mal durch einen Wald gegangen war. Er konnte sich nicht erinnern.
Er war vor zwei Monaten fünfundvierzig geworden und galt in Fachkreisen als einer der brillantesten Wirtschaftsanwälte des Landes. Seine amerikanische Zulassung hatte ihn zum Experten für Firmenübernahmen und Fusionen mit schweizerisch-amerika-nischer Beteiligung werden lassen. Einige der bedeutendsten mergers der letzten Jahre trugen seine Handschrift. Er verdiente viel Geld, und weil er wenig Zeit hatte, es auszugeben, war ihm einiges davon geblieben. Er hatte eine zum Glück kinderlos gebliebene Ehe mit Anstand hinter sich gebracht und lebte mit Evelyne Vogt zusammen, einer unabhängigen Frau, die einen Laden für Designmöbel aus den zwanziger und dreißiger Jahren besaß.
Urs Blank hatte mehr erreicht, als er sich zu Beginn seines Jurastudiums hatte träumen lassen. Aber etwas stimmte wohl nicht in seinem Leben.

Denn er konnte sich nicht nur nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal durch einen Wald gegangen war, er konnte sich auch an den Rest nicht erinnern. Und Urs Blank wäre für ihn nur irgendein Name gewesen. Wie der des Mannes, der seit 20 Minuten neben ihm ging.

»Paul Malär. Ich bin hier Förster. Ich bringe Sie zu meinem Wagen und dann ins Krankenhaus.« So hatte sich der Mann vorgestellt, ein paar Minuten nachdem er Urs an einen Baumstamm gelehnt gefunden hatte.
»Krankenhaus?«
»Die Wunde an Ihrer Stirn muss genäht werden. Und um den Rest kümmern die sich auch.«
Um den Rest.

»Das wird Ihr Wagen sein. Haben Sie wenigstens einen Schlüssel? Vielleicht sind Ihre Papiere da drin.«
Die beiden Männer standen am Rand des Walds und schauten auf einen Schotterparkplatz. Dort warteten zwei Autos. Eines war ein älterer Mercedes-Geländewagen, das andere ein neuer 7er-BMW.
Urs griff an seine Hosentaschen und fühlte, wie man so fühlt, mit einem leichten Klaps. Nichts. Er griff an seine Jackentaschen. Er spürte eingetrocknetes Blut, er spürte Dreck unter eingerissenen Fingernägeln, er spürte wunde Hände.

Zwei Minuten später saß Urs auf dem Beifahrersitz des Mercedes und schaute durch den Rückspiegel zu, wie der Mann den BMW durchsuchte.
Wieder zwei Minuten später öffnete sich die Fahrertür des Geländewagens.
»Urs Blank. So heißen Sie.«
Der Mann hielt Urs ein Mobiltelefon und eine Portemonnaie hin. Urs legte die Sachen auf seinen Schoß.
»Sie wollen nicht reinschauen?«
»Später«, antwortete Urs. »Ich habe Durst.«
Auf der Fahrt stoppte der Mann an einer Tankstelle und kaufte eine Flasche Wasser. Sie war leer, als der Mercedes vor dem Kantonsspital in Richterswil hielt.

Urs wurde erst am nächsten Tag wieder wach. Seine Schläfe schmerzte. Er wollte weiterschlafen. Es gelang nicht.
Nach etwa einer Stunde öffnete sich die Tür.
»Guten Morgen. Ich bin Oberarzt Roffler, das ist Schwester Angehrn. Wie fühlen Sie sich, Herr Blank?«
Urs Blank. Das war sein Name. Das hatte der Mann ihm gesagt.
»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich fühle mich ganz gut«.
»Sie wissen, dass Sie eine Amnesie haben?«
»Ja.«
»An was können Sie sich erinnern?«
»An alles, was passiert ist, nachdem mich der Förster gestern gefunden hat.«
»Und davor?«
»Nichts.«
»Retrograde Amnesie. Mich verblüfft, dass Sie sich darüber bewusst sind und gleichzeitig so ruhig wirken.«
»Schock?«
»Mag sein. Herr Blank, Sie brauchen jetzt vor allem Ruhe. Doch wir haben ein kleines Problem. Da ist diese Frau Vogt, die hier einen rechten Wirbel veranstaltet und unbedingt zu Ihnen will. Offenbar wurde sie von Ihren Kollegen verständigt, nachdem wir in Ihrem Büro angerufen haben. Kurz: Sehen Sie sich in der Lage, Frau Vogt für zehn Minuten zu empfangen? Sie sagt, sie sei Ihre Lebensgefährtin.«
»Sicher.«
Schwester Angehrn ging sie holen.

Als die Frau wieder fort war, fühlte Urs sich seltsam. Evelyne Vogt, schön, schlank, gut riechend, gut gekleidet, offenbar besorgt – sie hatte geweint – schien alles über ihn zu wissen. Er wusste nichts über sie. Er fragte sich, warum er mit ihr zusammen war.

»Und?« fragte Roffler wenig später.
»Ich habe sie vorgestern Nachmittag wohl noch angerufen und nichts außergewöhnliches erzählt.«
»Irgendwelche Erinnerungen daran?«
»Nein, tut mir leid.«
»Es ist wahrscheinlich noch zu früh.«
Der Arzt verschwand. Kurz darauf erschien Schwester Angehrn mit einem Tablett. Darauf etwas zu essen und zu trinken und eine Schlaftablette.

Urs blieb für eine Woche im Kantonsspital. Evelyne brachte Kleidung, Fotos, einen Karton mit Erinnerungsstücken, wie sie sagte, und Unterlagen aus seinem Büro. Einmal war sie in Begleitung von zwei Polizisten, doch die Beamten gingen schnell wieder.
Seine Kollegen schickten Blumen über Fleurop.

Zwei Nächte vor seiner Entlassung hatte Urs einen Traum. Er lief durch einen Wald und spürte Angst wie nie zuvor in seinem Leben.
Er erzählte Roffler davon.
»Ob der Traum etwas mit der Realität zu tun hat, werden sie erst erfahren, wenn die Erinnerungen wiederkommen, fürchte ich.«
»Wissen sie, manchmal habe ich das Gefühl, dass da nichts ist, an das es sich zu erinnern lohnen würde.«
Roffler lachte.
»Sie sind ein erfolgreicher Anwalt, verdienen im Monat wahrscheinlich mehr als ich in zwei Jahren und haben eine bildschöne Partnerin. Und daran soll die Erinnerung nicht lohnen?«
»Sie haben recht. Ich mag den Gedanken, reich zu sein.«
»Na also!«
Urs lief in der kommenden Nacht erneut durch den Wald.

»Schönes Auto«, sagte Urs am nächsten Morgen, als ihm Evelyne überflüssigerweise dabei half, in einen Porsche einzusteigen.
Dann sagte er nichts mehr, genoss die Fahrt am See entlang und verdrängte die Frage, wer er wohl sei. Die Frage tauchte wieder auf, als er vor einem großen Haus mit großem Garten am Rand von Zürich stand.

Nachdem er ein paar Minuten wortlos auf einem schlichten, modernen Sofa gesessen hatte, ließ er sich herumführen. Dann bat er Evelyne, ihn allein zu lassen und ignorierte die Enttäuschung auf ihrem Gesicht.

Er ging früh zu Bett, träumte wieder und vermisste nach dem Aufwachen Schwester Angehrn und ihr Frühstückstablett. Er rief in einem Laden für Designmöbel aus den zwanziger und dreißiger Jahren an, er hatte es versprochen. Den Rest des Tages ging er durchs Haus, zu Beginn mit Enthusiasmus, später halbherzig auf der Suche nach sich selber. Am frühen Abend klingelte das Telefon. Nein, sie solle nicht kommen, er brauche ein bisschen Zeit für sich. Das sei bestimmt bald vorbei und alles wäre wieder wie früher.

Während er die Frau am anderen Ende der Leitung zu beruhigen versuchte, öffnete er eine der Kommodenschublade. Seine Hand begann, zwischen Papier zu kramen. Die Hand fand ein Foto, nahm es, hielt es vor Urs Augen. Er erkannte beide Personen darauf sofort. Der Mann – er selber, nur jünger, die Frau neben ihm – längst tot. Ihr Name war Vera gewesen. Sie war vor 15 Jahren bei einem Autounfall gestorben.

Urs verabschiedete sich von Evelyne, mit der er zusammen war, weil sie schön und schlank war, gut roch und sich gut kleidete, legte auf und setzte sich in einen Sessel. Dann erinnerte er sich, wann er das letzte Mal in einem Wald gewesen war – und warum.

Er fuhr er gegen 18:30 Uhr in Frankfurt los. Bei Mannheim machte er an einer Raststätte Halt, ging zur Toilette, kaufte sich eine Flasche Wasser, fuhr wieder los, stoppte nach 200 Metern abermals. Für die Anhalterin, die kurz vor der Autobahnauffahrt wartete. Sie hielt ein Schild hoch, auf dem »Zürich« stand.

»In so einem Wagen bin ich noch nie gefahren.«
»Und ich habe noch nie eine Anhalterin mitgenommen.«
»Wieso jetzt?«
»Keine Ahnung.«
»Langeweile? Midlife Crisis? Mal was Verrücktes machen?« Sie kicherte und band lange dunkelblonde Haare zu einem Zopf.
»Wahrscheinlich«, antwortete Urs.
»Regina.«
»Urs.«

Sie war jung, sie war hübsch, sie war Studentin und sie flirtete. Sie flirtete anders als es Frauen sonst taten, die Urs traf. Anders, als es Evelyne tun würde.

Bei Muttenz verließ er die Autobahn ein zweites Mal an diesem Tag. Es wunderte ihn nicht, dass sie Kondome dabei hatte. Es wunderte ihn dagegen sehr, dass sie reglos neben der offenen Tür des BMWs lag, als er von einem kurzen Pinkelausflug zurückkehrte. Die Innenbeleuchtung des Wagens wurde von ihren offenen Augen und Blut auf dem großen, spitzen Stein nahe ihrer rechten Schläfe reflektiert. Sie musste gestolpert sein.

Urs sparte sich, einen Puls zu suchen. Urs sparte sich die Gedanken an einen Notruf, an Fragen von Polizisten, an Fragen von Evelyne, an komische Blicke von Kollegen, an ein recht wahrscheinliches Ende seiner Karriere. Er suchte, fand die Tüte, die er auf der Rückbank des Autos vermutete, stülpte sie Regina über den Kopf und schaffte den Körper in den Kofferraum. Er goss den Rest des Wassers und eine Flasche Frostschutzmittel über den Blutfleck neben dem Wagen. Er rief Evelyne an, sagte, dass es in Frankfurt länger als geplant dauern würde. Dann fuhr er los. Reginas Sachen warf er bei Wettingen in einen Mülleimer.

Das letzte Mal, dass er auf dem Schotterparkplatz gehalten hatte, war vor etwa 15 Jahren gewesen. Vera war bei ihm gewesen. Ihr Weg hatte sie zur kahlen Kuppe geführt, von der man einen tollen Blick auf den See hatte. Dahin wollte er nicht gehen.

Regina war nicht schwer, aber die Finsternis machte das Vorwärtskommen mühsam. Er stoppte in einer Schonung, dichte, niedrige Fichten versprachen Schutz. Er suchte einen stabilen Ast und begann, den Boden damit zu lockern. Als es hell wurde, war das Loch längst nicht tief genug. Er deckte es notdürftig ab, zog die Leiche in ein Gestrüpp, legte sich daneben und wartete.

Gegen 15 Uhr rief er erneut Evelyne an. Die Besprechungen zögen sich hin, es würde noch bis morgen dauern. Sie kenne das ja.
Gegen 21 Uhr begann Urs wieder mit dem Buddeln. Er hatte keinen Hunger, aber schrecklichen Durst. Seine Hände schmerzten. Gegen 3:30 Uhr war von Regina nichts mehr zu sehen. Urs machte sich auf den Rückweg.

Im Wagen legte er sein Handy und sein Portemonnaie auf den Beifahrersitz, die Hände aufs Lenkrad und spürte, wie endlich die Panik kam. Er startete den BMW, fuhr ein paar Meter, hielt an. Er stieg wieder aus und rannte los, hinein in den Wald. Rannte, wie nie zuvor in seinem Leben, hatte Angst wie nie zuvor in seinem Leben. Hatte Angst, nicht sorgfältig genug gewesen zu sein, hatte Angst vor der Dunkelheit, hatte Angst vor der Leiche, hatte Angst vor sich selbst.
Der niedrig hängende Ast traf ihn mit Wucht. Er fühlte das Blut an seiner Schläfe, taumelte noch ein paar Schritte weiter, stolperte, blieb liegen. Die Dunkelheit wurde schwarz.

Urs stand auf, ging in die Küche und erbrach sich ins Spülbecken. Am nächsten Morgen fuhr er zu Evelyne in den Laden und erzählte: Ich erinnere mich wieder. Wirklich nur ein dummer Unfall. Brauchte eine Pause. Wollte ein paar Schritte gehen. Musste mal den Kopf frei bekommen.
Urs fand das für ein paar Sekunden witzig.

Eine Woche später trennte er sich von Evelyne. Wieder eine Woche später rief er im Kantonsspital von Richterswil an und fragte nach Schwester Angehrn.
In schlechter Tradition hätte ich ja mal wieder ein angefangenes, aber nicht fertig gestelltes SZ-Kurzkrimidings im Angebot. Begonnen schon recht früh, dann schlicht vergessen. Vergessen! Und das, wo ich ansatzweise mal eine Idee hatte, wie das alles enden sollte. Nämlich am Ende des Anfangs, im Ledergeschäft. Dazwischen Reihung von Flashbacks. Nun ja.

Das Ledergeschäft bestand aus zwei Abteilungen. Die eine war für Jugendliche und eher durchschnittliche Steuerzahler, mit Sonderangeboten bis knapp unter einem Tausender. Die andere war äußerst exklusiv und lag buchstäblich eine Ebene über dem Rest des Ladens.
Der charakteristische Geruch von Haut und Leder wurde mit jedem Schritt, den ich weiter in den Laden tat, stärker. Als ich die vier Stufen zur Oberklasse hinauf-stieg, fiel mir ein anderer, unbestimmter Geruch auf…

(bis hierher SZ-Vorlage)

…der, je näher ich kam, immer bestimmter wurde. Ich hielt kurz inne, inhalierte, wollte umdrehen. Tat es nicht.
Niemand war zu sehen. Jedes Designer-Label hatte seine eigene kleine Boutique-artige Nische hier oben. Die wenigen Menschen, die sich ohne Scheu her wagten, verschwanden hinter schlichten, dezent beleuchteten Regalen.
Ich ging ein paar Schritte über den Dielenboden. Er knarrte nicht. Auch sonst war es still.
Dann eine Frauenstimme, laut, aber nicht unangenehm. Sie kam aus einer Ecke schräg links vor mir und ließ das diffuse Aroma kurz aus meiner Nase verschwinden.
»Und in grün mit lila Applikationen?«
Aus der Nische rechts – direkt auf meiner Höhe – die Antwort. Eine Männerstimme. Leise, weich, durchdringend. Ein leicht spöttischer Singsang darunter. Noch wie damals.
»Du bist albern«, sagte die Stimme. Ich konnte sie lächeln hören. Und wieder riechen. Geruch und Stimme gewannen an Dichte.
Nicht hinschauen. Schritt nach vorne. Vorbei an der Ecke.
Nutzlos. Ich wusste, er hatte mich gesehen. Meine Sinne waren in seiner Nähe stets am Anschlag gewesen. Ich blieb stehen und wartete.

-------------------------------------------------------------------------------------

»Da bist du.«
»Da bin ich«, sagte er.
Später stand er auf, stellte sich nackt vor das geöffnete Hotelfenster und blickte auf die belebte Straße. Meine Idee von der Romanze mit einem Verbrecher wollte, dass er dabei rauchte. Doch kein Klischee von ihm. Nicht für mich. Ich war das einzige Klischee.
Ich wollte ihm erneut sagen, dass ich ihn liebte, traute mich wieder nicht. Also sagte ich anderes, nur um irgendetwas zu sagen.
»Ich habe das vermisst.«
Er nickte.
»Wann und wo dieses Mal?« fragte ich.
Er antwortete knapp – nur auf den ersten Teil der Frage.
»Darf ich wissen, wer?«
Kopfschütteln. »Du weißt ohnehin schon zu viel.«
»Ich würde es nicht verraten.«
»Ja, vielleicht würdest du das wirklich nicht.«
Er drehte sich um.
Wieder später war er es, der zuerst ging.
Ich verstand es, als zwei Polizisten nur wenige Tage darauf vor mir standen, um der frischgebackenen Witwe ihr Beileid auszusprechen.
Wann? Er hatte nicht gelogen.
Nach Wochen des Wartens überlegte ich, ob ich reden sollte, ob ich von ihm erzählen sollte, seinen Namen nennen sollte. Nur, um ihn wieder zu sehen -- egal, zu welchem Preis für uns beide. Doch ich hatte auch nicht gelogen.

-------------------------------------------------------------------------------------

»Das ist schon sehr unglaublich, findest du nicht?« Ich erwartete eigentlich keine Antwort.
»Ich habe dich gerade geküsst. Ich glaube es.«
»Wie lange ist es her?«
»Ist das wichtig?«
»Nein.«
Ich wich ein paar Schritte zurück und schaute ihn an.
»Du bist gewachsen.«
»Du bist verheiratet.«
»Ist das wichtig?«
»Nein.«

etc.pp.
(Warum die SZ-Kurzkrimiwettbewerb-Krimis bei mir nie fertig werden, weiß ich nu' auch nich' genau*.)

Er rollte die Absperrung zusammen und lehnte sie gegen einen der Pfosten. Der Cadillac fuhr auf das von grauem und gelbem Gras bedeckte Gelände, das das Gebäude umgab. Die Landschaft war hügelig und durch Rainbecken gegliedert. Der lehmige Boden von Wasser durchtränkt. Auf den Kuppen und in den schmalen Tälern sah man kleine kahle Wälder, die sich schwarz vom schwärzlichen Grün der Wiesen und grau vom grauen Himmel abhoben.
(Bis hier Vorlage der SZ für den Juli.)

Völliger Schwachsinn, auf deutschen Straßen mit so einem Schiff rumzuschippern. Aber es steht ihr, verdammt, es steht ihr. Frohn seufzte hingerissen.
Der Wagen kam zum Stehen. Der rechte Vorderreifen nur Millimeter vor der Stelle, an der er sich vorhin das zweite Mal übergeben hatte. Knapp. Schade.
Kommissarin Graf stieg aus. Nahm, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben, Besitz. Die wenigen Sekunden, die sie zu Frohn brauchte, reichten, um sich alles zu Eigen zu machen. Die Absperrung, den Pfosten, das Haus, den lehmigen Boden, die Männer von der Spurensicherung, die darüber trippelten, die Leiche da hinten in der Senke. Frohn gehörte ihr sowieso. Gräfin Graf und Frohn. Manchmal hat das Leben reichlich alberne Ideen, dachte der Assistent zum zahllosesten Mal.
»Du siehst nicht gut aus. So schlimm?«
Frohn grinste gallig, deutete wortlos auf die Kotze.
»Huch! Ganz schön knapp«, kommentierte sie. Fast ein Echo seiner Gedanken.
»Das ist das Widerlichste, das ich je gesehen habe«, verteidigte er sich.
»Echt? Also ich kann mich beeindruckender übergeben.«
»Blabla. Komm mit.«
»Ich folge dir, wohin immer du gehst.«
Frohn verdrehte die Augen. Kapriziöses Miststück.
»Sie hätten uns den Fall nicht geben dürfen«, sagte er, während sie sich dem Fundort näherten.
»Aha?«
»Das ist nichts für eine Frau, wirklich nicht.«
Sie blieb stehen.
»Du sorgst dich ja um mich.«
»Das überrascht dich?«
»Sollte es mich nicht überraschen?«
»Muss du jede meiner Fragen mit einer Gegenfrage beantworten?«
»Mache ich das?«
Frohn seufzte, abermals hingerissen. Sie lächelte ihn an.
»Also ist es wirklich schlimm?«
»Sehr.«
Nachdem Frohn ihr die Leiche gezeigt hatte, sah auch sie etwas lädiert aus. Sie saß vor der Haustür auf der schmutzigen Treppe, scherte sich einen Dreck um die Flecken, die dadurch auf den feinen Tweedstoff ihres Kostüms gerieten, rauchte und schwieg.
»Was für eine unfassbare Scheiße ist das eigentlich? Da will mich doch wer verarschen!« sagte sie plötzlich mit einer gehörigen Portion Unglück in der aufgebrachten Stimme...

(*Und natürlich weiß ich es ziemlich sehr genau. Es ist die Methode, die ich hinter einem guten Krimi, sei er noch so kurz, vermute. Ich glaube ja fest, dass man im Kopf mit der Lösung beginnen muss, auch wenn der relativ frisch mit Alex Delaware infizierte Gunnar heute in den Ausläufern eines 'Gottchen, der ist ja so super, der Kellerman'-Gesprächs was anderes mutmaßte. Dass man eben doch mit einem Satz, mit der Tat beginnen kann und alles andere später kommt. Ich glaub das ja nicht. Blöd ist dann, dass ich immer, immer mit einem Satz einfach so beginne. Methode war nie meins.)

Montag, Mai 15, 2006

Und da war noch etwas, das ihm Macht über sie verlieh, etwas, das sie sich selber nur zur Hälfte eingestand: Er war gefährlich. Sie wußte nicht, wie und warum, aber er kam jedenfalls nicht aus ihrer Welt. Ja, er gehörte in keine der Welten, die sie je gekannt oder mit deren Bekanntschaft sie bislang gerechnet hatte. Mit ihm waren nicht nur dieser Drang, diese Erregung wachsenden Verlangens in ihr Leben getreten, sondern auch jener Gefahrenkitzel, der ihrem rebellischen Geist entgegenkam und ihr zum allererstenmal das Gefühl gab, wirklich zu leben. Was sie beide verband, das war nicht nur eine banale Liebesaffäre, das war eine Art Waffenbrüderschaft.

So erzählte sie.
»Manchmal«, sagte sie dann, »manchmal verschwindet er für vier oder fünf Tage und bereits am zweiten Tag kann ich nicht mehr klar denken«.
»Also ist er jetzt schon mindestens zwei fort,« erwiderte der Mann, rührte in seinem Kaffee, schaute aus dem Fenster, folgte mit den Augen einer alten Dame, widmete sich darauf wieder seiner Tasse und genoss während der verstreichenden Sekunden ihren Blick auf sich. Dann addierte er, nachdem er sich ihr wieder zugewandt hatte:»Vielleicht sogar drei oder vier?«
Sie schnaufte, wie sie es immer tat, wenn der Mann sie auf den Arm nahm. Und er nahm sie gern und oft auf den Arm, weil er ihr Schnaufen liebte.
»Du musst zugeben, dass deine Geschichte wie eine Räuberpistole klingt.«
Sie nickte. »Aber es ist die Wahrheit.«
Die Worte schwebten noch eine Weile über den Tisch, getragen von ihrem Atem. Er wollte sie zunächst unkommentiert lassen, weil der Klang ihrer Stimme Resignation verhieß. Die Neugier trieb ihn weiter.
»Wieso kommt er nicht aus unserer Welt?«
Dass der Mann ihre Welt zu seiner gemacht hatte, schien ihr genau so wenig aufzufallen wie ihm. Sie erzählte, erzählte von der Art des anderen zu leben, zu denken, zu handeln. Von ihren Wünschen. Ohne Pause, ohne Komma – ähnlich einem Grundschulkind, das am Mittagstisch vom allerersten Fleißkärtchen berichtet und darüber, wie viel es schon gelernt hat. Anders aber als das Grundschulkind erwähnte sie auch die Strafen des Lehrers. Weil es für sie keine waren. Sie zog einen Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte dem Mann einen blauen Fleck.
»Er schlägt dich also. Und es gefällt dir.«
»Es passiert nur beim Sex. Ja, es gefällt mir«, bestätigte sie.
Danach Stille. Der Mann ließ sie warten, zeigte keine Reaktion, überlegte.
»Und das macht ihn gefährlich? Kindchen, so etwas ist doch heute völlig salonfähig.«
»Du willst mich nicht verstehen, oder? Und nenn’ mich nicht Kindchen!«
»Ich verstehe, dass du leidest. Und nicht ganz freiwillig.«
»Ich leide nicht!«
»Oh doch, du leidest. Du leidest unter dem Gedanken, von ihm abhängig werden zu können. Zumindest bildest du dir das ein. Beides. Die Abhängigkeit. Und das Leiden. Nur wo ist da die Waffenbrüderschaft?«
»Er braucht mich.«
»Wieso ausgerechnet dich?«
»Weil ich ihm etwas geben kann, was er sonst nicht bekommt.«
»Unterwürfigkeit? Die kann er an jeder Ecke haben, wenn er es richtig anstellt.«
»Das ist es nicht. Es ist…« Sie hielt kurz inne. »Ich bin es. Ich mache ihn zu einem besseren Menschen, sagt er. Ich sei etwas besonderes, sagt er.«
»Kann er es auch benennen, das Besondere an dir?«
Sie richtete sich auf, setzte an, etwas zu erwidern, stockte, wurde wieder klein.
»Ich habe ihn nie gefragt.«
»Vielleicht solltest du das.«
»Ja, vielleicht.«
Der Mann – in den Jahren hatte er es perfektioniert – zeigte ihr seine Freundschaft, seine Verbundenheit, dass er sich um sie sorgte. Er legte seine Hand auf ihre – zum tausendsten Mal. Wie die 999 Mal zuvor ließ die Berührung ihn innerlich taumeln.
»Wie lange kennst du ihn schon?« fragte er dann.
»Zirka drei Monate. Etwa genau so lange, wie wir uns nicht mehr gesehen haben.«
Das freute den Mann, denn sie maß die Zeit in diesem Moment in fast der selben Einheit wie er, im Kopf aber korrigierte er sie ein bisschen, machte aus ihrem ›wir‹ ein ›ich‹, aus ihrem ›uns‹ ein ›dich‹ und stahl dem ›haben‹ das ›n‹. Das dauerte ein bisschen und er nahm sich danach noch die Muße, um an den vergangenen Tag zu denken, an den Moment, als sie aus dem Haus des anderen getreten war. Er dachte an ihre Haare und wie durcheinander sie gewesen waren und wie er überlegt hatte, warum – und dachte daran, dass ihm seine Vorstellung überraschenderweise gefallen hatten. Nun war das Bild ein anderes, nur durch einen blauen Klecks.
»Weißt du, was das Verrückteste an der Sache ist?«
»Es wird noch verrückter?« fragte er.
Sie zog ihre Hand zurück. Er quittierte es mit einem Schluck aus seiner Tasse.
»Er ist gar nicht mein Typ.«
»Ist das wichtig?«
»Ja, das ist sogar sehr wichtig. Erinnerst du dich an damals?«
Er erinnerte sich.
»Du sagtest, ich wäre wunderbar, aber nicht dein Typ.«
»Genau.«
»Du willst mich hoffentlich nicht mit ihm vergleichen?«
»Ich will nicht, es passiert einfach. Weil ihr momentan die zwei wichtigsten Männer in meinem Leben seid.«
»Du tust es also noch immer.«
»Ich werde es niemals einstellen können. Ich vergleiche sogar mich selber mit ihm.«
»Und was kommt dabei heraus? Diese lächerliche Waffenbrüderschaft etwa?«
»Ja«, antwortete sie und stand auf. »Ich muss los.«

Die folgenden Tage waren wie immer nach einem längeren Gespräch mit ihr. Der Mann überlegte, was er hätte anderes sagen können. Überlegte, ob er sich irgendwo verraten hatte. Überlegte, ob sie sich irgendwo verraten hatte. Wenn er zur Arbeit fuhr, fuhr er zu ihr. Wenn er heim fuhr, saß sie neben ihm. Wenn er eine Tür öffnete, wartete sie dahinter. Schloss er eine Tür, war sie danach mit im Raum.
Gelegentlich fuhr er wirklich zu ihr, ließ den Wagen an irgendeiner Ecke in der Nähe stehen, ging die letzten Straßen zu Fuß, stand dann nur so rum, schaute nicht mal dauernd zu ihren Fenstern hinauf. Gelegentlich fuhr er zu dem anderen und versuchte durch Betrachten der Mauern des Hauses mehr über den Menschen dahinter zu erfahren. Es gelang ihm nicht...

(Fragment, basierend auf dem Fall des Monats April des Minikrimi-Wettbewerbs der SZ.)

Dienstag, April 04, 2006

Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten. Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.

Unsinn! Sie bekam eine Gänsehaut -- allein vom Zuschauen. Fenster auf, rausgebrüllt: »Lisbeth, zieh dir wenigstens ’nen Mantel an, wenn du schon bei grad mal…ach, jedenfalls ist es scheißkalt. Komm rein!«
Lisbeth, wenig verwunderlich, reagierte nicht, fuhr fort mit ihrem Treiben. Sie tanzte und hüpfte nur im dünnen Nachthemd über die Wiese, Arme ausgebreitet.
Fehlen nur noch die Blumen im Haar. Die hätte die Verrückte ganz bestimmt aus den Beeten gezupft, wären da welche drin gewesen. Waren aber nicht, im Herbst. Statt dessen sammelte sich Laub auf der vom Regen platt gehämmerten Erde. Niemand würde es weg harken. Und hinten am rechten Rand des Grundstücks hatte die große Eiche mit den Blättern gleich noch einen morschen Ast abgeworfen. Der würde da sicher auch unberührt bis zum Frühjahr liegen. Wahrscheinlich noch länger.
Das war ihr alles egal. Eigentlich war ihr auch Lisbeth egal. Die war ihr am aller-egalsten. Quatsch! Aber es laut zu denken, entließ ein bisschen von der Wut auf das Schicksal im Allgemeinen und auf ihres im Speziellen. Was ihr auf keinen Fall egal war, war der Ärger, den sie mit der Alten hatte. Mit Lisbeth, die eigentlich Elisabeth und ganz eigentlich Oma hieß. Doch die Ärzte hatten ihr geraten, die Frau mit Vornamen anzusprechen, wenn sie einen ihrer Anfälle hatte. Besser noch sollten gar Rufnamen aus der Kindheit funktionieren. Also Lisbeth. Aber keinerlei Wirkung heute früh, wie schon seit Monaten nicht mehr. Seit Monaten, die vor Jahren begannen -- auf Naxos, als das Leben zwar auch nicht eitel Sonnenschein gewesen war, aber zum letzten Mal die Leichtigkeit vorgetäuscht hatte, die es so gerne kurz vor einem großen Unglück vortäuscht. Damit das Unglück knackiger rüberkommt. Damals, Naxos: über einen Stein gestolpert, über die Klippe gesegelt, blöderweise nicht einfach ins vermutlich rettende Wasser geklatscht, sondern sich zielsicher eine Stelle ausgesucht, an der das Mittelmeer aufs Lieblichste von Felsen umspült wird.
So hatte man ihr das natürlich nicht geschildert. Da waren ganz ernste Augenpaare gewesen, die sie ganz ernst angeschaut hatten. Ernste Stimmen, die ganz ernst diese scheiß Floskel von wegen stark sein und so weiter runtergebetet hatten. Lisbeth, Elisabeth, Oma hatte daneben gestanden, hatte damals schon nur noch die Hälfte oder ein Drittel gerafft -- und ein bisschen gesabbert. Sie hatte das Sabbern nicht mit ansehen können, selbst in diesem Moment nicht. Hatte der Frau mit einem Taschentuch die Speichelfäden abgetupft, während man ihr mitteilte, dass Mutter, ihre Mutter, Lisbeths Tochter, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Während des Gruppen-Ausflugs, den sie nicht mitgemacht hatte, sondern statt dessen allein durch die kleinen Läden von -- Dreck, wie hieß das Kaff da im Osten noch gleich? Scheiße, das passierte ja auch immer öfter, der Mist ist ja wohl nicht erblich? -- geschlendert war. Und seit diesem Tage war Lisbeth der Schatten, der irre kichernd an jeder Wand, an jeder Ecke ihres Lebens tanzte. Ob nun im Nachthemd oder manierlich gekleidet.
Lisbeth litt an einer seltenen Krankheit, die das Gehirn auf unappetitliche Art löcherte. Der Arzt hatte mal versucht, es ihr zu erklären. Aber wie Ärzte so sind -- sie hatte sich recht schnell in seinen verschwurbelten Fachausdrücken verlaufen. Und stand dann am Ende im Wortlabyrinth, planlos. Überhaupt, was hieß bitteschön ‚sie litt’? Der ging es ausgezeichnet in ihrem Wahnsinn. Kein Tag, an dem die Frau nicht dieses selig dumme Lächeln trug. Und ebenso kein Tag, an dem sie ihr dieses Lächeln nicht mindestens dreimal aus dem Gesicht dreschen wollte. Was sie nie tat. Nie würde tun können. Ihre Erinnerungen an eine Lisbeth ohne Wahnsinn, an eine Lisbeth voller Liebe und toller Ideen und mit verschwörerischem, statt selig dummem Lächeln, diese Erinnerungen hielten sie davon ab. Erinnerungen an eine Zeit, als Lisbeth noch Oma hieß.
Lisbeth, genau. Die tanzte noch immer in der Kälte. Kurz überlegte sie, es dabei zu belassen. Sollte sie doch tanzen, sollte sie sich den Tod holen da draußen. Ach, würde doch ohnehin nicht klappen, zäh wie die Frau war. Am Ende gab es nur eine saftige Erkältung mit ärztlich verordneter Bettpflicht. Was zur Folge hätte, dass…
Sie dachte den Gedanken aus Scham nicht zu Ende, schnappte sich die Klamotten vom Vortag, die sie wie immer einfach auf den Boden vor dem Bett geworfen hatte, ignorierte den BH, ignorierte die Socken, schlüpfte nur in Jeans, Pulli und Schuhe und rannte die Treppe hinunter, durch die Küche, durch den kleinen Flur, durch die hintere Tür in den Garten. Ihr Atem kondensierte sofort zu kleinen Wölkchen. Und während sie auf Lisbeth zulief, die noch immer mit den Armen rudernd, barfuß auf dem vom Tau nassen Rasen hüpfte, entschied sie, dass der Anblick der Frau nichts Peinliches, nichts Irres, sondern etwas Verklärtes hatte. Eine wunderschön überhöhte Zeichnung, eine getanzte Ode auf das Alter und die damit zurückkehrende Unschuld…

(Fragment, basierend auf dem Fall des Monats Februar des Minikrimi-Wettbewerbs der SZ)

Freitag, Januar 20, 2006

Nach Z

Eine Verhungerte sitzt mir gegenüber. Ich kann mich nicht auf nichts konzentrieren. Die Verhungerte sitzt mir zu gegenüber.
Busfahren ist das Letzte. Zusammengepfercht mit Leuten, mit denen man nicht zusammengepfercht sein möchte, juckelt man im Schneckentempo von A nach…eben nicht Z. Sondern nur so in die Nähe von Z. Schlimmer: Man muss häufig noch über D, F und Y, um ungefähr bei Z raus zu kommen. Ungefähr bei Z beginnt es zu regnen. Oder eine Mutter steht plötzlich vor einem -- mit der komischerweise immer wie ein Vorwurf klingenden Frage, ob man beim Rauswuchten der Nachwuchs-Rumkutsche helfen könne. Ich denk dann immer: Hey, ich war es nicht! Ich kenn dich nicht mal, du Hormon-Flaggschiff. Aber gut, ich helfe dir. Bist eh schon bestraft genug.
Nachts, wenn man von einer beschissenen Party mit lauter beschissenen, weil langweiligen Leuten heimfährt, treiben sich keine Mütter in Bussen rum. Aber andere Menschen. Wie die Verhungerte. Die leidet. Leidet vor sich hin. Frauen haben ja manchmal den Drang, die Welt mit ihren Herzschmerzen zu belästigen. Laufen dann heulend durch die Gegend und schauen ganz schrecklich tragisch. Ich habe keine Ahnung, was der Grund dafür ist. Zu viele Hollywood-Filme? Zu viele schlechte Bücher? Wenn ich heule, was selten vorkommt, geht das keinen was an. Das mache ich fein für mich alleine.
Mir gegenüber wird noch nicht geheult. Aber tragisch geschaut. Und sehr passend mit den Fingern an der Scheibe rumgemalt. Ab und an auch ein Seufzer. Wirkt ein bisschen einstudiert, Baby! Ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit. Toll. Ich überlege zu meiner eigenen Überraschung, ob ich wohl ein Taschentuch für sie hätte, wenn es losgeht. Aber dann müsste ich mit ihr reden. Und dann erzählt sie mir bestimmt, warum sie heulen muss. Und darauf kann ich wunderbar verzichten. Will also gar kein Taschentuch für sie haben. Hätte jetzt lieber ein Auto. Aber a) habe ich kein Geld für ein eigenes Auto und b) würde mir die Karre jetzt auch nichts nützen, verdammte Scheiße!
Eigentlich mag ich verhungerte Frauen. Ich seh’ gut aus daneben. Die stehen mir. Auch wenn ich zu Holger immer sage, wenn wir einer begegnen, die ich scharf finde, dass ich der gerne ein Brot in die Kauleiste drücken würde; mit ganz viel Butter und fetter Wurst drauf. Freund Holger erwidert dann: »Und danach geht sie kotzen!« Wir lachen. Manchmal sagt Holger aber auch: »Ihre Titten würden davon auch nicht größer.« Lachen. Stimmt aber. Der Nachteil beim Mögen von verhungerten Frauen: die Titten. Die sind meist zu klein.
Die gegenüber hat auch nur kleine. Geradezu winzig sind die. Sehen aber trotzdem irgendwie gut aus unter ihrem blauen V-Ausschnitt-Pulli. Spaßeshalber stell ich mir die Verhungerte mit größerem Vorbau vor. Steht ihr. Und mir auch – von jetzt auf gleich, wie ich bemerke. Erstklassig. Da lobe ich mir, dass ich meine Hemden immer aus der Hose trage. Aber ich sitze sehr fläzig. Ich richte mich also auf, zu ruckhaft. Die Bewegung braucht ein weiches Ende, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich beuge mich rüber zu ihrer Tasche, greife das oberste Buch und beginne darin zu blättern. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass sie aufgehört hat, an der Scheibe rumzupatschen und mich nun anschaut. Anklagend. Hat sie es etwa doch bemerkt? Unwahrscheinlich. Ist nur wieder das alte Problem. Und jetzt, jetzt geht tatsächlich das Geheule los. Wie gestern. Und vorgestern. »Ich schlafe heute bei mir«, sagt sie dann. »Schade«, sage ich.