Freitag, Januar 20, 2006

Ohne Titel

Wenn man lange genug Richtung Osten wandert, kommt man nach Mittelerde. Oder in irgendein anderes fantastisches Land, in dem die Abenteuer gelangweilt am Straßenrand rumlungern und darauf warten, dass irgendwer sie erleben will.
Schön bekloppt, dachte sie und lächelte ins Nichts. Ein älterer Herr, der zufällig just in diesem Moment durchs Nichts schritt, lächelte zurück – von ihr unbemerkt. Trotzdem waren beide zufrieden.
Statt weiter nach Osten zu gehen, bog sie nach Süden ab, in eine breite, belebte Einkaufsstraße. Wie ein kleiner Bach, der sich den Umweg über den Fluss spart und direkt in den Strom fließt, wurde sie von der Masse verschluckt. Prima, mit ein bisschen Glück werde ich direkt vor meine Haustür gespült, gluckerte es in ihrem Gehirn. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen.
Schirme ploppten auf und versperrten die Sicht auf Fassaden und Himmel. Im trüben Halbdunkel von Knirps und Co. ging sie weiter. Zirka ungezählte Schritte später öffnete sich plötzlich eine Gasse und gab den Blick auf eine seltsame Szene frei: Am Schaufenster eines Sportartiklers stand ein Mann, beide Hände gegen die Scheibe gepresst. Als wolle er sich festhalten. Dass hinter dem Glas eine Bergsteigerausrüstung feilgeboten wurde, schien nichts mit seinem Treiben zu tun zu haben.
Eher unbewusst als gewollt verließ sie die eingeschlagene Richtung, näherte sich Mann und Schaufenster und bemerkte dabei flüchtig, dass sie wieder nach Osten unterwegs war.
Er schaute sie erst an, als sie schon eine ganze Weile neben ihm gestanden und auf seine Hände gestarrt hatte.
»Sie sind zu heiß«, sagte er in einem erklärenden Tonfall.
Sie nickte kurz und griff ohne Zögern zu.
»Ja. Das sind sie.«
»Ihre sind kalt.«
»Nur die rechte. Manchmal ist es aber auch die linke.«
»Verrückt«, entgegnete er.
»Nicht verrückter als sich die Hände an der Scheibe eines Sportgeschäfts zu kühlen.«
»Das ist ein gutes Sportgeschäft. Hier sind die Scheiben immer wohltemperiert. Genau richtig für zu heiße Hände, möchte ich meinen.«
Sie lächelte. Er auch. Dann nahm sie ihre Hand von seiner, drehte sich um und verschwand wieder unter den Schirmen. Osten ist eine gute Himmelsrichtung, dachte sie.