Dienstag, April 04, 2006

Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten. Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.

Unsinn! Sie bekam eine Gänsehaut -- allein vom Zuschauen. Fenster auf, rausgebrüllt: »Lisbeth, zieh dir wenigstens ’nen Mantel an, wenn du schon bei grad mal…ach, jedenfalls ist es scheißkalt. Komm rein!«
Lisbeth, wenig verwunderlich, reagierte nicht, fuhr fort mit ihrem Treiben. Sie tanzte und hüpfte nur im dünnen Nachthemd über die Wiese, Arme ausgebreitet.
Fehlen nur noch die Blumen im Haar. Die hätte die Verrückte ganz bestimmt aus den Beeten gezupft, wären da welche drin gewesen. Waren aber nicht, im Herbst. Statt dessen sammelte sich Laub auf der vom Regen platt gehämmerten Erde. Niemand würde es weg harken. Und hinten am rechten Rand des Grundstücks hatte die große Eiche mit den Blättern gleich noch einen morschen Ast abgeworfen. Der würde da sicher auch unberührt bis zum Frühjahr liegen. Wahrscheinlich noch länger.
Das war ihr alles egal. Eigentlich war ihr auch Lisbeth egal. Die war ihr am aller-egalsten. Quatsch! Aber es laut zu denken, entließ ein bisschen von der Wut auf das Schicksal im Allgemeinen und auf ihres im Speziellen. Was ihr auf keinen Fall egal war, war der Ärger, den sie mit der Alten hatte. Mit Lisbeth, die eigentlich Elisabeth und ganz eigentlich Oma hieß. Doch die Ärzte hatten ihr geraten, die Frau mit Vornamen anzusprechen, wenn sie einen ihrer Anfälle hatte. Besser noch sollten gar Rufnamen aus der Kindheit funktionieren. Also Lisbeth. Aber keinerlei Wirkung heute früh, wie schon seit Monaten nicht mehr. Seit Monaten, die vor Jahren begannen -- auf Naxos, als das Leben zwar auch nicht eitel Sonnenschein gewesen war, aber zum letzten Mal die Leichtigkeit vorgetäuscht hatte, die es so gerne kurz vor einem großen Unglück vortäuscht. Damit das Unglück knackiger rüberkommt. Damals, Naxos: über einen Stein gestolpert, über die Klippe gesegelt, blöderweise nicht einfach ins vermutlich rettende Wasser geklatscht, sondern sich zielsicher eine Stelle ausgesucht, an der das Mittelmeer aufs Lieblichste von Felsen umspült wird.
So hatte man ihr das natürlich nicht geschildert. Da waren ganz ernste Augenpaare gewesen, die sie ganz ernst angeschaut hatten. Ernste Stimmen, die ganz ernst diese scheiß Floskel von wegen stark sein und so weiter runtergebetet hatten. Lisbeth, Elisabeth, Oma hatte daneben gestanden, hatte damals schon nur noch die Hälfte oder ein Drittel gerafft -- und ein bisschen gesabbert. Sie hatte das Sabbern nicht mit ansehen können, selbst in diesem Moment nicht. Hatte der Frau mit einem Taschentuch die Speichelfäden abgetupft, während man ihr mitteilte, dass Mutter, ihre Mutter, Lisbeths Tochter, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Während des Gruppen-Ausflugs, den sie nicht mitgemacht hatte, sondern statt dessen allein durch die kleinen Läden von -- Dreck, wie hieß das Kaff da im Osten noch gleich? Scheiße, das passierte ja auch immer öfter, der Mist ist ja wohl nicht erblich? -- geschlendert war. Und seit diesem Tage war Lisbeth der Schatten, der irre kichernd an jeder Wand, an jeder Ecke ihres Lebens tanzte. Ob nun im Nachthemd oder manierlich gekleidet.
Lisbeth litt an einer seltenen Krankheit, die das Gehirn auf unappetitliche Art löcherte. Der Arzt hatte mal versucht, es ihr zu erklären. Aber wie Ärzte so sind -- sie hatte sich recht schnell in seinen verschwurbelten Fachausdrücken verlaufen. Und stand dann am Ende im Wortlabyrinth, planlos. Überhaupt, was hieß bitteschön ‚sie litt’? Der ging es ausgezeichnet in ihrem Wahnsinn. Kein Tag, an dem die Frau nicht dieses selig dumme Lächeln trug. Und ebenso kein Tag, an dem sie ihr dieses Lächeln nicht mindestens dreimal aus dem Gesicht dreschen wollte. Was sie nie tat. Nie würde tun können. Ihre Erinnerungen an eine Lisbeth ohne Wahnsinn, an eine Lisbeth voller Liebe und toller Ideen und mit verschwörerischem, statt selig dummem Lächeln, diese Erinnerungen hielten sie davon ab. Erinnerungen an eine Zeit, als Lisbeth noch Oma hieß.
Lisbeth, genau. Die tanzte noch immer in der Kälte. Kurz überlegte sie, es dabei zu belassen. Sollte sie doch tanzen, sollte sie sich den Tod holen da draußen. Ach, würde doch ohnehin nicht klappen, zäh wie die Frau war. Am Ende gab es nur eine saftige Erkältung mit ärztlich verordneter Bettpflicht. Was zur Folge hätte, dass…
Sie dachte den Gedanken aus Scham nicht zu Ende, schnappte sich die Klamotten vom Vortag, die sie wie immer einfach auf den Boden vor dem Bett geworfen hatte, ignorierte den BH, ignorierte die Socken, schlüpfte nur in Jeans, Pulli und Schuhe und rannte die Treppe hinunter, durch die Küche, durch den kleinen Flur, durch die hintere Tür in den Garten. Ihr Atem kondensierte sofort zu kleinen Wölkchen. Und während sie auf Lisbeth zulief, die noch immer mit den Armen rudernd, barfuß auf dem vom Tau nassen Rasen hüpfte, entschied sie, dass der Anblick der Frau nichts Peinliches, nichts Irres, sondern etwas Verklärtes hatte. Eine wunderschön überhöhte Zeichnung, eine getanzte Ode auf das Alter und die damit zurückkehrende Unschuld…

(Fragment, basierend auf dem Fall des Monats Februar des Minikrimi-Wettbewerbs der SZ)