Montag, Mai 15, 2006

Und da war noch etwas, das ihm Macht über sie verlieh, etwas, das sie sich selber nur zur Hälfte eingestand: Er war gefährlich. Sie wußte nicht, wie und warum, aber er kam jedenfalls nicht aus ihrer Welt. Ja, er gehörte in keine der Welten, die sie je gekannt oder mit deren Bekanntschaft sie bislang gerechnet hatte. Mit ihm waren nicht nur dieser Drang, diese Erregung wachsenden Verlangens in ihr Leben getreten, sondern auch jener Gefahrenkitzel, der ihrem rebellischen Geist entgegenkam und ihr zum allererstenmal das Gefühl gab, wirklich zu leben. Was sie beide verband, das war nicht nur eine banale Liebesaffäre, das war eine Art Waffenbrüderschaft.

So erzählte sie.
»Manchmal«, sagte sie dann, »manchmal verschwindet er für vier oder fünf Tage und bereits am zweiten Tag kann ich nicht mehr klar denken«.
»Also ist er jetzt schon mindestens zwei fort,« erwiderte der Mann, rührte in seinem Kaffee, schaute aus dem Fenster, folgte mit den Augen einer alten Dame, widmete sich darauf wieder seiner Tasse und genoss während der verstreichenden Sekunden ihren Blick auf sich. Dann addierte er, nachdem er sich ihr wieder zugewandt hatte:»Vielleicht sogar drei oder vier?«
Sie schnaufte, wie sie es immer tat, wenn der Mann sie auf den Arm nahm. Und er nahm sie gern und oft auf den Arm, weil er ihr Schnaufen liebte.
»Du musst zugeben, dass deine Geschichte wie eine Räuberpistole klingt.«
Sie nickte. »Aber es ist die Wahrheit.«
Die Worte schwebten noch eine Weile über den Tisch, getragen von ihrem Atem. Er wollte sie zunächst unkommentiert lassen, weil der Klang ihrer Stimme Resignation verhieß. Die Neugier trieb ihn weiter.
»Wieso kommt er nicht aus unserer Welt?«
Dass der Mann ihre Welt zu seiner gemacht hatte, schien ihr genau so wenig aufzufallen wie ihm. Sie erzählte, erzählte von der Art des anderen zu leben, zu denken, zu handeln. Von ihren Wünschen. Ohne Pause, ohne Komma – ähnlich einem Grundschulkind, das am Mittagstisch vom allerersten Fleißkärtchen berichtet und darüber, wie viel es schon gelernt hat. Anders aber als das Grundschulkind erwähnte sie auch die Strafen des Lehrers. Weil es für sie keine waren. Sie zog einen Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte dem Mann einen blauen Fleck.
»Er schlägt dich also. Und es gefällt dir.«
»Es passiert nur beim Sex. Ja, es gefällt mir«, bestätigte sie.
Danach Stille. Der Mann ließ sie warten, zeigte keine Reaktion, überlegte.
»Und das macht ihn gefährlich? Kindchen, so etwas ist doch heute völlig salonfähig.«
»Du willst mich nicht verstehen, oder? Und nenn’ mich nicht Kindchen!«
»Ich verstehe, dass du leidest. Und nicht ganz freiwillig.«
»Ich leide nicht!«
»Oh doch, du leidest. Du leidest unter dem Gedanken, von ihm abhängig werden zu können. Zumindest bildest du dir das ein. Beides. Die Abhängigkeit. Und das Leiden. Nur wo ist da die Waffenbrüderschaft?«
»Er braucht mich.«
»Wieso ausgerechnet dich?«
»Weil ich ihm etwas geben kann, was er sonst nicht bekommt.«
»Unterwürfigkeit? Die kann er an jeder Ecke haben, wenn er es richtig anstellt.«
»Das ist es nicht. Es ist…« Sie hielt kurz inne. »Ich bin es. Ich mache ihn zu einem besseren Menschen, sagt er. Ich sei etwas besonderes, sagt er.«
»Kann er es auch benennen, das Besondere an dir?«
Sie richtete sich auf, setzte an, etwas zu erwidern, stockte, wurde wieder klein.
»Ich habe ihn nie gefragt.«
»Vielleicht solltest du das.«
»Ja, vielleicht.«
Der Mann – in den Jahren hatte er es perfektioniert – zeigte ihr seine Freundschaft, seine Verbundenheit, dass er sich um sie sorgte. Er legte seine Hand auf ihre – zum tausendsten Mal. Wie die 999 Mal zuvor ließ die Berührung ihn innerlich taumeln.
»Wie lange kennst du ihn schon?« fragte er dann.
»Zirka drei Monate. Etwa genau so lange, wie wir uns nicht mehr gesehen haben.«
Das freute den Mann, denn sie maß die Zeit in diesem Moment in fast der selben Einheit wie er, im Kopf aber korrigierte er sie ein bisschen, machte aus ihrem ›wir‹ ein ›ich‹, aus ihrem ›uns‹ ein ›dich‹ und stahl dem ›haben‹ das ›n‹. Das dauerte ein bisschen und er nahm sich danach noch die Muße, um an den vergangenen Tag zu denken, an den Moment, als sie aus dem Haus des anderen getreten war. Er dachte an ihre Haare und wie durcheinander sie gewesen waren und wie er überlegt hatte, warum – und dachte daran, dass ihm seine Vorstellung überraschenderweise gefallen hatten. Nun war das Bild ein anderes, nur durch einen blauen Klecks.
»Weißt du, was das Verrückteste an der Sache ist?«
»Es wird noch verrückter?« fragte er.
Sie zog ihre Hand zurück. Er quittierte es mit einem Schluck aus seiner Tasse.
»Er ist gar nicht mein Typ.«
»Ist das wichtig?«
»Ja, das ist sogar sehr wichtig. Erinnerst du dich an damals?«
Er erinnerte sich.
»Du sagtest, ich wäre wunderbar, aber nicht dein Typ.«
»Genau.«
»Du willst mich hoffentlich nicht mit ihm vergleichen?«
»Ich will nicht, es passiert einfach. Weil ihr momentan die zwei wichtigsten Männer in meinem Leben seid.«
»Du tust es also noch immer.«
»Ich werde es niemals einstellen können. Ich vergleiche sogar mich selber mit ihm.«
»Und was kommt dabei heraus? Diese lächerliche Waffenbrüderschaft etwa?«
»Ja«, antwortete sie und stand auf. »Ich muss los.«

Die folgenden Tage waren wie immer nach einem längeren Gespräch mit ihr. Der Mann überlegte, was er hätte anderes sagen können. Überlegte, ob er sich irgendwo verraten hatte. Überlegte, ob sie sich irgendwo verraten hatte. Wenn er zur Arbeit fuhr, fuhr er zu ihr. Wenn er heim fuhr, saß sie neben ihm. Wenn er eine Tür öffnete, wartete sie dahinter. Schloss er eine Tür, war sie danach mit im Raum.
Gelegentlich fuhr er wirklich zu ihr, ließ den Wagen an irgendeiner Ecke in der Nähe stehen, ging die letzten Straßen zu Fuß, stand dann nur so rum, schaute nicht mal dauernd zu ihren Fenstern hinauf. Gelegentlich fuhr er zu dem anderen und versuchte durch Betrachten der Mauern des Hauses mehr über den Menschen dahinter zu erfahren. Es gelang ihm nicht...

(Fragment, basierend auf dem Fall des Monats April des Minikrimi-Wettbewerbs der SZ.)