Donnerstag, Februar 15, 2007

Die Vegetarier Annegret, Kai-Uwe, Jens, Babette (die eigentlich Marta hieß) und Willi (der eigentlich Helmut hieß und auch kein Vegetarier war, sondern lediglich mit Annegret ficken wollte) standen am Fuß des Eisbergsalateisbergs (der eigentlich kein Eisberg war, sondern nur aus marketingtechnischen Gründen so hieß) und schauten angestrengt zum Gipfel hinauf. Auf dem Gipfel stand das Hauptquartier der internationalen Eisbergsalatpro-duktionsfirma »Prisonerfresh« (die in Weilheim-Schongau gegründet worden war und eigentlich »Knackifrisch« hieß, aber sich aus marketingtechnischen Gründen einen englischen Namen zugelegt hatte, doch blöderweise sprach niemand in der Marke-tingabteilung Englisch). Annegret, Kai-Uwe, Jens, Babette und Willi wollten dort gegen die laschen, wasserlosen, in Cellophan verpackten Eisbergsalate protestieren, die es immer im Winter zu kaufen gibt. »Für mehr Wasser im Eis!« -- so lautet das Motto der Aktion.
»Boah, schon das Hochschauen strengt an!« maulte Jens. »Wie anstrengend muss dann erst das Hochsteigen sein?«
»Ich brauche morgen bestimmt eine Nackenmassage«, jammerte Kai-Uwe wenig originell.
»Mir tun schon die Augen weh«, stimmte Babette mit ein.
Willi sagte gar nichts, der war kurz hinter einem Findling verschwunden, um zu onanieren.
»Also«, schnaubte Annegret, die Anführerin, »also Leute! Wir mögen zwar verblendete Idealisten sein, aber wir haben unsere Ideale. Und für die lohnt es sich zu kämpfen. Für mehr Wasser im Eis!« Den letzten Satz schrie sie.
»Für mehr Wasser im Eis!« kam es hinter dem Findling hervor, gefolgt von einem Stöhnen.
»Na gut«, gaben Kai-Uwe, Jens und Babette klein bei.
Man wartete noch auf Willi, schulterte dann die Brustbeutel und begann den Aufstieg.
Nach etwa zwei Stunden und etwa 200 zurückgelegten Nur-, nicht Höhenmetern erreichten die fünf das Protestanten-Basislager, das sich bisher geschickt hinter ein paar Würstchenbuden und bunten Wimpeln auf einem ehemaligen Parkplatz versteckt hatte. Man wäre dort natürlich viel früher angekommen, wäre man die leicht kurvige Straße entlang gegangen, aber man hatte die direkte Route den Schotterhang hinauf gewählt, und Babette trug offene High Heels, mit denen sie ständig im Geröll hängen geblieben war und in denen sich ständig Steinchen unter ihren Zehen gesammelt hatten. Was ja ganz super für die Geschichte ist, bekommt sie doch wenigstens hier eine, wenn auch abgedroschene Moral, nämlich die vom kürzesten Weg, der nicht immer der schnellste sein muss.
»Was ist denn das hier, bitteschön?« Kai-Uwe tat entrüstet.
»Das steht doch auf dem Schild, das zwischen dem Handymast und der Bushaltestelle gespannt ist. Das ist das Protestanten-Basis-lager«, klärte Annegret angewidert auf. Was sie angewidert hatte -- das Basislager, die Würstchenbuden oder Kai-Uwes saudoofe Frage -- sollte auf ewig ihr Geheimnis bleiben.
Dass das mit den Würstchenbuden allerdings so eine Sache bei Annegret ist, klärt sich im Folgenden. Jedoch nur für uns, weil die anderen vier aufs Klo gehen.
»Ich muss mal aufs Klo«, sagte Jens. Er hatte auf dem Weg ins Basislager zwei Beutel isotonische Kochsalzlösung wegen der Elektrolyte und zwei Flaschen Wasser wegen des Salzes in der Kochsalzlösung leer geschlürft.
»Ich komm’ mit.« Kai-Uwe wurde Annegrets Blick zusehends unangenehm.
»Au ja, Schwanzvergleich,« jubilierte Willi, der darauf spekulierte, dass Kai-Uwe und Jens hinterher geknickt aussähen und Annegret daraus die richtigen Schlüsse zöge.
»Ich bin Schiedsrichterin«, entschied Babette, die nicht mit Annegret allein bleiben wollte. In Annegrets Nähe fühlte sich Babette nämlich stets ein wenig unwohl, weil Annegret all das war, was Babette gerne gewesen wäre und das sogar ohne Namens-änderung. Zudem bot die Toilette eine gute Gelegenheit, die malvefarbenen Kontaktlinsen wieder zurecht zu rücken. Die waren bei der ganzen Steinchenpulerei verrutscht.
Die vier machten sich auf den Weg zur gigantischen Unisex-Toi-lettenanlage, die hinter dem Spielplatz (Zutritt ab 4 Jahre, darunter nur mit Aufsichtsperson) stand. Annegret hörte noch, wie Willi die drei anderen fragte, ob sie wüssten, warum in Frank Herberts Der Wüstenplanet die Formulierung »Nun piss dich mal nicht an!« fehle, die Antwort hörte sie nicht mehr. Sie rief ihren Begleitern noch »Lasst euch Zeit!« hinterher, atmete einmal tief durch und schlenderte dann zu den Würstchenbuden, um die Schilder und Auslagen anzuschauen.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, danke. Ich schaue nur.«
»Sie sind wohl auch eine von diesen, was?«
»Eine von diesen?«
»Eine von diesen Gemüsefressern.«
»Ja, das bin ich.«
Dieser Dialog wiederholte sich genau so exakt vier Mal, bis Annegret an Bude Nummer 5 ankam.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, danke. Ich schaue nur.«
»Sie schauen nicht, Sie starren. Sie starren auf die Schweinsbratwürstl. Und zwar recht seltsam.«
»Seltsam?«
»Ich finde, man kann diese Mischung aus Abscheu und Geilheit schon als seltsam bezeichnen. Haben Sie einen Schweinswürstlfetisch, mit dem Sie nicht klar kommen?«
»Sie sind ein sehr guter Beobachter. Wie kommt das?«
»Kennen Sie Das Schweigen der Lämmer?«
»Kenn ich. Film.«
»Auch ein Buch, aber das nur nebenbei, ist beides nicht sonderlich toll. Aber da ist dieser Deal zwischen dem Kannibalen und der Agentin.«
»Sie meinen dieses quid pro quo? Ich erkläre Ihnen also meinen Blick und Sie erklären mir, warum Sie ihn bemerkt haben?«
»Genau.«
»Na gut. Setzen wir uns hinter Ihre Bude. Haben Sie was zu rauchen?«
Der Würstchenverkäufer nahm seine Schürze ab, schnappte sich eine Schachtel Zigaretten und trat dann hinten aus der Hütte hinaus. Annegret erwartete ihn schon. Sie hatte sich auf einen großen Stein gesetzt.
»Also?« fragte der Mann, während er sich an die Holzwand lehnte und sich eine Zigarette anzündete.
»Ich bin ein Schwein.«
»Nun, das sind wir alle. Geht’s genauer?« Er reichte Annegret die Zigarettenschachtel.
»Na gut, ich bin eine Sau. Aber nun Sie.«
»Ich bin gar kein Würstchenverkäufer, ich gebe mich nur temporär als einer aus. Zigarette?«
»Dachte ich mir. Und nein, ich rauche nicht.«
Aber um das Ganze kürzer zu gestalten, man will ja vielleicht auch mal irgendwann ins Bett oder zum Bäcker, hier eine Zusammenfassung: Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass Annegret in einer Rückführung unter Hypnose erfahren hatte, dass sie zuerst als Schwein auf die Welt gekommen war und zwar auf einem Bauernhof in der Uckermark. Da war es ihr angeblich saumäßig super gegangen: den ganzen Tag draußen, Dreck reichlich und Schweinkram sowieso. Im nächsten Leben wurde sie deswegen wieder Schwein, es gab ja keinen Anlass, was anderes auszuprobieren. Blöderweise wurde sie das aber nicht auf einem Bauernhof in der Uckermark, sondern in Grub nahe Poing nahe München. Als Nutzvieh in Grub nahe Poing nahe München auf die Welt zu kommen oder überhaupt östlich von München als Nutzvieh auf die Welt zu kommen, ist in zehn von zehn Fällen kein Salzsteinschlecken. Im Osten von München, wo Platz ohne Ende ist und Schwein, Kuh und der ganze Rest Wochen damit verbringen könnten, zum Horizont zu laufen ohne anzukommen, wenn sie nur wollen würden, was sie ja nicht wollen, weil Schwein und Kuh und der ganze Rest nicht dafür bekannt sind, dem Horizont irgendwas abzugewinnen, weswegen auch keine Gefahr bestünde, dass Schweine-, Kuh- und Restfleisch von der ganzen Rennerei zu sehnig werden würden und sich nicht mehr verkaufen ließen, also da im Osten kam Annegret in einem winzig kleinen Stall auf die Welt und blieb dort auch bis zum Ende ihres Lebens, während sich draußen auf dem ganzen Platz bis zum Horizont die Futterpflanzen die Stängel in den Boden standen. Selbst der Hund des Bauern führt ein besseres Leben als ich, dachte Annegret oft. Wenig verwunderlich also, dass sie im nächsten Leben Hund wurde. Sie wurde der putzige Kleinsthund einer alten, allein stehenden Dame, die Annegret bei Regen in ein Hunderegencape steckte, ihr bei Sonnenschein ein neckisches Hütchen aufsetzte und von Tellern am Tisch fressen ließ. Und Annegret dachte: Mensch Meier! Die Folge: Annegret wurde Annegret der Mensch; nach der Rückführung ziemlich froh darüber, nicht so was wie „Ach, du grüne Neune!“ gedacht zu haben.
Die Geschichte des Würstchenverkäufers ist weniger spektakulär, der war nur die Vertretung für seinen Bruder und im sonstigen Leben Psychologe.
»Deswegen also diese Das-Schweigen-der-Lämmer-Nummer.«
»Ja, ich dachte, das könnte passen, auch wenn bei Ihnen die Lämmer fehlen. Sagen Sie, wer hat denn die Rückführung gemacht?«
»Das war meine Mutter. Die hatte damals einen VHS-Kurs für Kaffeekränzchen-Hokuspokus begonnen und wollte für eine Prüfung üben.«
»Ah ja. Wissen Sie, bei Anfängern geht da gerne mal was schief. Würde mich nicht wundern, wenn Ihre Mutter Sie in die Vorleben der Nachbarin, des Postboten oder Ihrer Katze zurückgeführt hat.«
»Wir hatten nur einen Wellensittich. Und jetzt?«
»Und jetzt?«
»Ich erwarte jetzt ein Psychogramm.«
»Geht nicht, Sie haben auf einem Stein gesessen und ich hab’ an einer Holzwand gelehnt. Will meinen: kein Sofa, kein Sessel, kein Psychogramm. Wollen Sie statt dessen ein Würstchen?«
»Kostet?«
»3,49 Euro.«
»Teuer. Ökowürstchen?«
»Ja.«
»Dann nehme ich zwei.«
[Wird fortgesetzt. Irgendwann.]