Freitag, Januar 20, 2006

Nach Z

Eine Verhungerte sitzt mir gegenüber. Ich kann mich nicht auf nichts konzentrieren. Die Verhungerte sitzt mir zu gegenüber.
Busfahren ist das Letzte. Zusammengepfercht mit Leuten, mit denen man nicht zusammengepfercht sein möchte, juckelt man im Schneckentempo von A nach…eben nicht Z. Sondern nur so in die Nähe von Z. Schlimmer: Man muss häufig noch über D, F und Y, um ungefähr bei Z raus zu kommen. Ungefähr bei Z beginnt es zu regnen. Oder eine Mutter steht plötzlich vor einem -- mit der komischerweise immer wie ein Vorwurf klingenden Frage, ob man beim Rauswuchten der Nachwuchs-Rumkutsche helfen könne. Ich denk dann immer: Hey, ich war es nicht! Ich kenn dich nicht mal, du Hormon-Flaggschiff. Aber gut, ich helfe dir. Bist eh schon bestraft genug.
Nachts, wenn man von einer beschissenen Party mit lauter beschissenen, weil langweiligen Leuten heimfährt, treiben sich keine Mütter in Bussen rum. Aber andere Menschen. Wie die Verhungerte. Die leidet. Leidet vor sich hin. Frauen haben ja manchmal den Drang, die Welt mit ihren Herzschmerzen zu belästigen. Laufen dann heulend durch die Gegend und schauen ganz schrecklich tragisch. Ich habe keine Ahnung, was der Grund dafür ist. Zu viele Hollywood-Filme? Zu viele schlechte Bücher? Wenn ich heule, was selten vorkommt, geht das keinen was an. Das mache ich fein für mich alleine.
Mir gegenüber wird noch nicht geheult. Aber tragisch geschaut. Und sehr passend mit den Fingern an der Scheibe rumgemalt. Ab und an auch ein Seufzer. Wirkt ein bisschen einstudiert, Baby! Ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit. Toll. Ich überlege zu meiner eigenen Überraschung, ob ich wohl ein Taschentuch für sie hätte, wenn es losgeht. Aber dann müsste ich mit ihr reden. Und dann erzählt sie mir bestimmt, warum sie heulen muss. Und darauf kann ich wunderbar verzichten. Will also gar kein Taschentuch für sie haben. Hätte jetzt lieber ein Auto. Aber a) habe ich kein Geld für ein eigenes Auto und b) würde mir die Karre jetzt auch nichts nützen, verdammte Scheiße!
Eigentlich mag ich verhungerte Frauen. Ich seh’ gut aus daneben. Die stehen mir. Auch wenn ich zu Holger immer sage, wenn wir einer begegnen, die ich scharf finde, dass ich der gerne ein Brot in die Kauleiste drücken würde; mit ganz viel Butter und fetter Wurst drauf. Freund Holger erwidert dann: »Und danach geht sie kotzen!« Wir lachen. Manchmal sagt Holger aber auch: »Ihre Titten würden davon auch nicht größer.« Lachen. Stimmt aber. Der Nachteil beim Mögen von verhungerten Frauen: die Titten. Die sind meist zu klein.
Die gegenüber hat auch nur kleine. Geradezu winzig sind die. Sehen aber trotzdem irgendwie gut aus unter ihrem blauen V-Ausschnitt-Pulli. Spaßeshalber stell ich mir die Verhungerte mit größerem Vorbau vor. Steht ihr. Und mir auch – von jetzt auf gleich, wie ich bemerke. Erstklassig. Da lobe ich mir, dass ich meine Hemden immer aus der Hose trage. Aber ich sitze sehr fläzig. Ich richte mich also auf, zu ruckhaft. Die Bewegung braucht ein weiches Ende, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich beuge mich rüber zu ihrer Tasche, greife das oberste Buch und beginne darin zu blättern. Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass sie aufgehört hat, an der Scheibe rumzupatschen und mich nun anschaut. Anklagend. Hat sie es etwa doch bemerkt? Unwahrscheinlich. Ist nur wieder das alte Problem. Und jetzt, jetzt geht tatsächlich das Geheule los. Wie gestern. Und vorgestern. »Ich schlafe heute bei mir«, sagt sie dann. »Schade«, sage ich.

Ohne Titel

Wenn man lange genug Richtung Osten wandert, kommt man nach Mittelerde. Oder in irgendein anderes fantastisches Land, in dem die Abenteuer gelangweilt am Straßenrand rumlungern und darauf warten, dass irgendwer sie erleben will.
Schön bekloppt, dachte sie und lächelte ins Nichts. Ein älterer Herr, der zufällig just in diesem Moment durchs Nichts schritt, lächelte zurück – von ihr unbemerkt. Trotzdem waren beide zufrieden.
Statt weiter nach Osten zu gehen, bog sie nach Süden ab, in eine breite, belebte Einkaufsstraße. Wie ein kleiner Bach, der sich den Umweg über den Fluss spart und direkt in den Strom fließt, wurde sie von der Masse verschluckt. Prima, mit ein bisschen Glück werde ich direkt vor meine Haustür gespült, gluckerte es in ihrem Gehirn. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen.
Schirme ploppten auf und versperrten die Sicht auf Fassaden und Himmel. Im trüben Halbdunkel von Knirps und Co. ging sie weiter. Zirka ungezählte Schritte später öffnete sich plötzlich eine Gasse und gab den Blick auf eine seltsame Szene frei: Am Schaufenster eines Sportartiklers stand ein Mann, beide Hände gegen die Scheibe gepresst. Als wolle er sich festhalten. Dass hinter dem Glas eine Bergsteigerausrüstung feilgeboten wurde, schien nichts mit seinem Treiben zu tun zu haben.
Eher unbewusst als gewollt verließ sie die eingeschlagene Richtung, näherte sich Mann und Schaufenster und bemerkte dabei flüchtig, dass sie wieder nach Osten unterwegs war.
Er schaute sie erst an, als sie schon eine ganze Weile neben ihm gestanden und auf seine Hände gestarrt hatte.
»Sie sind zu heiß«, sagte er in einem erklärenden Tonfall.
Sie nickte kurz und griff ohne Zögern zu.
»Ja. Das sind sie.«
»Ihre sind kalt.«
»Nur die rechte. Manchmal ist es aber auch die linke.«
»Verrückt«, entgegnete er.
»Nicht verrückter als sich die Hände an der Scheibe eines Sportgeschäfts zu kühlen.«
»Das ist ein gutes Sportgeschäft. Hier sind die Scheiben immer wohltemperiert. Genau richtig für zu heiße Hände, möchte ich meinen.«
Sie lächelte. Er auch. Dann nahm sie ihre Hand von seiner, drehte sich um und verschwand wieder unter den Schirmen. Osten ist eine gute Himmelsrichtung, dachte sie.