Donnerstag, Oktober 19, 2006

Endlich geschafft: Mein erster SZ-Kurzkrimi ist fertig. Hier nun exklusiv (höhö) die Fassung, die mir von vier existenten Fassungen am meisten zusagt. Lesewalkthrough: Das Kursive ist die Vorlage der SZ, stammt aus dem Roman 'Die dunkle Seite des Mondes' von Martin Suter. Suter, das muss ich anmerken, hat entweder keinen oder einen sehr mittelmäßigen bis schlechten Lektor. 'Aufgeklärter' Himmel über 'kahler Waldkuppel'? WTF?

Nur ein Unfall

Der Himmel über der kahlen Waldkuppel hatte sich aufgeklärt. Zwischen den silbernen Buchenstämmen glänzte das Laub in der Nachmittagssonne. Urs Blank überlegte, wann er das letzte Mal durch einen Wald gegangen war. Er konnte sich nicht erinnern.
Er war vor zwei Monaten fünfundvierzig geworden und galt in Fachkreisen als einer der brillantesten Wirtschaftsanwälte des Landes. Seine amerikanische Zulassung hatte ihn zum Experten für Firmenübernahmen und Fusionen mit schweizerisch-amerika-nischer Beteiligung werden lassen. Einige der bedeutendsten mergers der letzten Jahre trugen seine Handschrift. Er verdiente viel Geld, und weil er wenig Zeit hatte, es auszugeben, war ihm einiges davon geblieben. Er hatte eine zum Glück kinderlos gebliebene Ehe mit Anstand hinter sich gebracht und lebte mit Evelyne Vogt zusammen, einer unabhängigen Frau, die einen Laden für Designmöbel aus den zwanziger und dreißiger Jahren besaß.
Urs Blank hatte mehr erreicht, als er sich zu Beginn seines Jurastudiums hatte träumen lassen. Aber etwas stimmte wohl nicht in seinem Leben.

Denn er konnte sich nicht nur nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal durch einen Wald gegangen war, er konnte sich auch an den Rest nicht erinnern. Und Urs Blank wäre für ihn nur irgendein Name gewesen. Wie der des Mannes, der seit 20 Minuten neben ihm ging.

»Paul Malär. Ich bin hier Förster. Ich bringe Sie zu meinem Wagen und dann ins Krankenhaus.« So hatte sich der Mann vorgestellt, ein paar Minuten nachdem er Urs an einen Baumstamm gelehnt gefunden hatte.
»Krankenhaus?«
»Die Wunde an Ihrer Stirn muss genäht werden. Und um den Rest kümmern die sich auch.«
Um den Rest.

»Das wird Ihr Wagen sein. Haben Sie wenigstens einen Schlüssel? Vielleicht sind Ihre Papiere da drin.«
Die beiden Männer standen am Rand des Walds und schauten auf einen Schotterparkplatz. Dort warteten zwei Autos. Eines war ein älterer Mercedes-Geländewagen, das andere ein neuer 7er-BMW.
Urs griff an seine Hosentaschen und fühlte, wie man so fühlt, mit einem leichten Klaps. Nichts. Er griff an seine Jackentaschen. Er spürte eingetrocknetes Blut, er spürte Dreck unter eingerissenen Fingernägeln, er spürte wunde Hände.

Zwei Minuten später saß Urs auf dem Beifahrersitz des Mercedes und schaute durch den Rückspiegel zu, wie der Mann den BMW durchsuchte.
Wieder zwei Minuten später öffnete sich die Fahrertür des Geländewagens.
»Urs Blank. So heißen Sie.«
Der Mann hielt Urs ein Mobiltelefon und eine Portemonnaie hin. Urs legte die Sachen auf seinen Schoß.
»Sie wollen nicht reinschauen?«
»Später«, antwortete Urs. »Ich habe Durst.«
Auf der Fahrt stoppte der Mann an einer Tankstelle und kaufte eine Flasche Wasser. Sie war leer, als der Mercedes vor dem Kantonsspital in Richterswil hielt.

Urs wurde erst am nächsten Tag wieder wach. Seine Schläfe schmerzte. Er wollte weiterschlafen. Es gelang nicht.
Nach etwa einer Stunde öffnete sich die Tür.
»Guten Morgen. Ich bin Oberarzt Roffler, das ist Schwester Angehrn. Wie fühlen Sie sich, Herr Blank?«
Urs Blank. Das war sein Name. Das hatte der Mann ihm gesagt.
»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich fühle mich ganz gut«.
»Sie wissen, dass Sie eine Amnesie haben?«
»Ja.«
»An was können Sie sich erinnern?«
»An alles, was passiert ist, nachdem mich der Förster gestern gefunden hat.«
»Und davor?«
»Nichts.«
»Retrograde Amnesie. Mich verblüfft, dass Sie sich darüber bewusst sind und gleichzeitig so ruhig wirken.«
»Schock?«
»Mag sein. Herr Blank, Sie brauchen jetzt vor allem Ruhe. Doch wir haben ein kleines Problem. Da ist diese Frau Vogt, die hier einen rechten Wirbel veranstaltet und unbedingt zu Ihnen will. Offenbar wurde sie von Ihren Kollegen verständigt, nachdem wir in Ihrem Büro angerufen haben. Kurz: Sehen Sie sich in der Lage, Frau Vogt für zehn Minuten zu empfangen? Sie sagt, sie sei Ihre Lebensgefährtin.«
»Sicher.«
Schwester Angehrn ging sie holen.

Als die Frau wieder fort war, fühlte Urs sich seltsam. Evelyne Vogt, schön, schlank, gut riechend, gut gekleidet, offenbar besorgt – sie hatte geweint – schien alles über ihn zu wissen. Er wusste nichts über sie. Er fragte sich, warum er mit ihr zusammen war.

»Und?« fragte Roffler wenig später.
»Ich habe sie vorgestern Nachmittag wohl noch angerufen und nichts außergewöhnliches erzählt.«
»Irgendwelche Erinnerungen daran?«
»Nein, tut mir leid.«
»Es ist wahrscheinlich noch zu früh.«
Der Arzt verschwand. Kurz darauf erschien Schwester Angehrn mit einem Tablett. Darauf etwas zu essen und zu trinken und eine Schlaftablette.

Urs blieb für eine Woche im Kantonsspital. Evelyne brachte Kleidung, Fotos, einen Karton mit Erinnerungsstücken, wie sie sagte, und Unterlagen aus seinem Büro. Einmal war sie in Begleitung von zwei Polizisten, doch die Beamten gingen schnell wieder.
Seine Kollegen schickten Blumen über Fleurop.

Zwei Nächte vor seiner Entlassung hatte Urs einen Traum. Er lief durch einen Wald und spürte Angst wie nie zuvor in seinem Leben.
Er erzählte Roffler davon.
»Ob der Traum etwas mit der Realität zu tun hat, werden sie erst erfahren, wenn die Erinnerungen wiederkommen, fürchte ich.«
»Wissen sie, manchmal habe ich das Gefühl, dass da nichts ist, an das es sich zu erinnern lohnen würde.«
Roffler lachte.
»Sie sind ein erfolgreicher Anwalt, verdienen im Monat wahrscheinlich mehr als ich in zwei Jahren und haben eine bildschöne Partnerin. Und daran soll die Erinnerung nicht lohnen?«
»Sie haben recht. Ich mag den Gedanken, reich zu sein.«
»Na also!«
Urs lief in der kommenden Nacht erneut durch den Wald.

»Schönes Auto«, sagte Urs am nächsten Morgen, als ihm Evelyne überflüssigerweise dabei half, in einen Porsche einzusteigen.
Dann sagte er nichts mehr, genoss die Fahrt am See entlang und verdrängte die Frage, wer er wohl sei. Die Frage tauchte wieder auf, als er vor einem großen Haus mit großem Garten am Rand von Zürich stand.

Nachdem er ein paar Minuten wortlos auf einem schlichten, modernen Sofa gesessen hatte, ließ er sich herumführen. Dann bat er Evelyne, ihn allein zu lassen und ignorierte die Enttäuschung auf ihrem Gesicht.

Er ging früh zu Bett, träumte wieder und vermisste nach dem Aufwachen Schwester Angehrn und ihr Frühstückstablett. Er rief in einem Laden für Designmöbel aus den zwanziger und dreißiger Jahren an, er hatte es versprochen. Den Rest des Tages ging er durchs Haus, zu Beginn mit Enthusiasmus, später halbherzig auf der Suche nach sich selber. Am frühen Abend klingelte das Telefon. Nein, sie solle nicht kommen, er brauche ein bisschen Zeit für sich. Das sei bestimmt bald vorbei und alles wäre wieder wie früher.

Während er die Frau am anderen Ende der Leitung zu beruhigen versuchte, öffnete er eine der Kommodenschublade. Seine Hand begann, zwischen Papier zu kramen. Die Hand fand ein Foto, nahm es, hielt es vor Urs Augen. Er erkannte beide Personen darauf sofort. Der Mann – er selber, nur jünger, die Frau neben ihm – längst tot. Ihr Name war Vera gewesen. Sie war vor 15 Jahren bei einem Autounfall gestorben.

Urs verabschiedete sich von Evelyne, mit der er zusammen war, weil sie schön und schlank war, gut roch und sich gut kleidete, legte auf und setzte sich in einen Sessel. Dann erinnerte er sich, wann er das letzte Mal in einem Wald gewesen war – und warum.

Er fuhr er gegen 18:30 Uhr in Frankfurt los. Bei Mannheim machte er an einer Raststätte Halt, ging zur Toilette, kaufte sich eine Flasche Wasser, fuhr wieder los, stoppte nach 200 Metern abermals. Für die Anhalterin, die kurz vor der Autobahnauffahrt wartete. Sie hielt ein Schild hoch, auf dem »Zürich« stand.

»In so einem Wagen bin ich noch nie gefahren.«
»Und ich habe noch nie eine Anhalterin mitgenommen.«
»Wieso jetzt?«
»Keine Ahnung.«
»Langeweile? Midlife Crisis? Mal was Verrücktes machen?« Sie kicherte und band lange dunkelblonde Haare zu einem Zopf.
»Wahrscheinlich«, antwortete Urs.
»Regina.«
»Urs.«

Sie war jung, sie war hübsch, sie war Studentin und sie flirtete. Sie flirtete anders als es Frauen sonst taten, die Urs traf. Anders, als es Evelyne tun würde.

Bei Muttenz verließ er die Autobahn ein zweites Mal an diesem Tag. Es wunderte ihn nicht, dass sie Kondome dabei hatte. Es wunderte ihn dagegen sehr, dass sie reglos neben der offenen Tür des BMWs lag, als er von einem kurzen Pinkelausflug zurückkehrte. Die Innenbeleuchtung des Wagens wurde von ihren offenen Augen und Blut auf dem großen, spitzen Stein nahe ihrer rechten Schläfe reflektiert. Sie musste gestolpert sein.

Urs sparte sich, einen Puls zu suchen. Urs sparte sich die Gedanken an einen Notruf, an Fragen von Polizisten, an Fragen von Evelyne, an komische Blicke von Kollegen, an ein recht wahrscheinliches Ende seiner Karriere. Er suchte, fand die Tüte, die er auf der Rückbank des Autos vermutete, stülpte sie Regina über den Kopf und schaffte den Körper in den Kofferraum. Er goss den Rest des Wassers und eine Flasche Frostschutzmittel über den Blutfleck neben dem Wagen. Er rief Evelyne an, sagte, dass es in Frankfurt länger als geplant dauern würde. Dann fuhr er los. Reginas Sachen warf er bei Wettingen in einen Mülleimer.

Das letzte Mal, dass er auf dem Schotterparkplatz gehalten hatte, war vor etwa 15 Jahren gewesen. Vera war bei ihm gewesen. Ihr Weg hatte sie zur kahlen Kuppe geführt, von der man einen tollen Blick auf den See hatte. Dahin wollte er nicht gehen.

Regina war nicht schwer, aber die Finsternis machte das Vorwärtskommen mühsam. Er stoppte in einer Schonung, dichte, niedrige Fichten versprachen Schutz. Er suchte einen stabilen Ast und begann, den Boden damit zu lockern. Als es hell wurde, war das Loch längst nicht tief genug. Er deckte es notdürftig ab, zog die Leiche in ein Gestrüpp, legte sich daneben und wartete.

Gegen 15 Uhr rief er erneut Evelyne an. Die Besprechungen zögen sich hin, es würde noch bis morgen dauern. Sie kenne das ja.
Gegen 21 Uhr begann Urs wieder mit dem Buddeln. Er hatte keinen Hunger, aber schrecklichen Durst. Seine Hände schmerzten. Gegen 3:30 Uhr war von Regina nichts mehr zu sehen. Urs machte sich auf den Rückweg.

Im Wagen legte er sein Handy und sein Portemonnaie auf den Beifahrersitz, die Hände aufs Lenkrad und spürte, wie endlich die Panik kam. Er startete den BMW, fuhr ein paar Meter, hielt an. Er stieg wieder aus und rannte los, hinein in den Wald. Rannte, wie nie zuvor in seinem Leben, hatte Angst wie nie zuvor in seinem Leben. Hatte Angst, nicht sorgfältig genug gewesen zu sein, hatte Angst vor der Dunkelheit, hatte Angst vor der Leiche, hatte Angst vor sich selbst.
Der niedrig hängende Ast traf ihn mit Wucht. Er fühlte das Blut an seiner Schläfe, taumelte noch ein paar Schritte weiter, stolperte, blieb liegen. Die Dunkelheit wurde schwarz.

Urs stand auf, ging in die Küche und erbrach sich ins Spülbecken. Am nächsten Morgen fuhr er zu Evelyne in den Laden und erzählte: Ich erinnere mich wieder. Wirklich nur ein dummer Unfall. Brauchte eine Pause. Wollte ein paar Schritte gehen. Musste mal den Kopf frei bekommen.
Urs fand das für ein paar Sekunden witzig.

Eine Woche später trennte er sich von Evelyne. Wieder eine Woche später rief er im Kantonsspital von Richterswil an und fragte nach Schwester Angehrn.
In schlechter Tradition hätte ich ja mal wieder ein angefangenes, aber nicht fertig gestelltes SZ-Kurzkrimidings im Angebot. Begonnen schon recht früh, dann schlicht vergessen. Vergessen! Und das, wo ich ansatzweise mal eine Idee hatte, wie das alles enden sollte. Nämlich am Ende des Anfangs, im Ledergeschäft. Dazwischen Reihung von Flashbacks. Nun ja.

Das Ledergeschäft bestand aus zwei Abteilungen. Die eine war für Jugendliche und eher durchschnittliche Steuerzahler, mit Sonderangeboten bis knapp unter einem Tausender. Die andere war äußerst exklusiv und lag buchstäblich eine Ebene über dem Rest des Ladens.
Der charakteristische Geruch von Haut und Leder wurde mit jedem Schritt, den ich weiter in den Laden tat, stärker. Als ich die vier Stufen zur Oberklasse hinauf-stieg, fiel mir ein anderer, unbestimmter Geruch auf…

(bis hierher SZ-Vorlage)

…der, je näher ich kam, immer bestimmter wurde. Ich hielt kurz inne, inhalierte, wollte umdrehen. Tat es nicht.
Niemand war zu sehen. Jedes Designer-Label hatte seine eigene kleine Boutique-artige Nische hier oben. Die wenigen Menschen, die sich ohne Scheu her wagten, verschwanden hinter schlichten, dezent beleuchteten Regalen.
Ich ging ein paar Schritte über den Dielenboden. Er knarrte nicht. Auch sonst war es still.
Dann eine Frauenstimme, laut, aber nicht unangenehm. Sie kam aus einer Ecke schräg links vor mir und ließ das diffuse Aroma kurz aus meiner Nase verschwinden.
»Und in grün mit lila Applikationen?«
Aus der Nische rechts – direkt auf meiner Höhe – die Antwort. Eine Männerstimme. Leise, weich, durchdringend. Ein leicht spöttischer Singsang darunter. Noch wie damals.
»Du bist albern«, sagte die Stimme. Ich konnte sie lächeln hören. Und wieder riechen. Geruch und Stimme gewannen an Dichte.
Nicht hinschauen. Schritt nach vorne. Vorbei an der Ecke.
Nutzlos. Ich wusste, er hatte mich gesehen. Meine Sinne waren in seiner Nähe stets am Anschlag gewesen. Ich blieb stehen und wartete.

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»Da bist du.«
»Da bin ich«, sagte er.
Später stand er auf, stellte sich nackt vor das geöffnete Hotelfenster und blickte auf die belebte Straße. Meine Idee von der Romanze mit einem Verbrecher wollte, dass er dabei rauchte. Doch kein Klischee von ihm. Nicht für mich. Ich war das einzige Klischee.
Ich wollte ihm erneut sagen, dass ich ihn liebte, traute mich wieder nicht. Also sagte ich anderes, nur um irgendetwas zu sagen.
»Ich habe das vermisst.«
Er nickte.
»Wann und wo dieses Mal?« fragte ich.
Er antwortete knapp – nur auf den ersten Teil der Frage.
»Darf ich wissen, wer?«
Kopfschütteln. »Du weißt ohnehin schon zu viel.«
»Ich würde es nicht verraten.«
»Ja, vielleicht würdest du das wirklich nicht.«
Er drehte sich um.
Wieder später war er es, der zuerst ging.
Ich verstand es, als zwei Polizisten nur wenige Tage darauf vor mir standen, um der frischgebackenen Witwe ihr Beileid auszusprechen.
Wann? Er hatte nicht gelogen.
Nach Wochen des Wartens überlegte ich, ob ich reden sollte, ob ich von ihm erzählen sollte, seinen Namen nennen sollte. Nur, um ihn wieder zu sehen -- egal, zu welchem Preis für uns beide. Doch ich hatte auch nicht gelogen.

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»Das ist schon sehr unglaublich, findest du nicht?« Ich erwartete eigentlich keine Antwort.
»Ich habe dich gerade geküsst. Ich glaube es.«
»Wie lange ist es her?«
»Ist das wichtig?«
»Nein.«
Ich wich ein paar Schritte zurück und schaute ihn an.
»Du bist gewachsen.«
»Du bist verheiratet.«
»Ist das wichtig?«
»Nein.«

etc.pp.
(Warum die SZ-Kurzkrimiwettbewerb-Krimis bei mir nie fertig werden, weiß ich nu' auch nich' genau*.)

Er rollte die Absperrung zusammen und lehnte sie gegen einen der Pfosten. Der Cadillac fuhr auf das von grauem und gelbem Gras bedeckte Gelände, das das Gebäude umgab. Die Landschaft war hügelig und durch Rainbecken gegliedert. Der lehmige Boden von Wasser durchtränkt. Auf den Kuppen und in den schmalen Tälern sah man kleine kahle Wälder, die sich schwarz vom schwärzlichen Grün der Wiesen und grau vom grauen Himmel abhoben.
(Bis hier Vorlage der SZ für den Juli.)

Völliger Schwachsinn, auf deutschen Straßen mit so einem Schiff rumzuschippern. Aber es steht ihr, verdammt, es steht ihr. Frohn seufzte hingerissen.
Der Wagen kam zum Stehen. Der rechte Vorderreifen nur Millimeter vor der Stelle, an der er sich vorhin das zweite Mal übergeben hatte. Knapp. Schade.
Kommissarin Graf stieg aus. Nahm, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben, Besitz. Die wenigen Sekunden, die sie zu Frohn brauchte, reichten, um sich alles zu Eigen zu machen. Die Absperrung, den Pfosten, das Haus, den lehmigen Boden, die Männer von der Spurensicherung, die darüber trippelten, die Leiche da hinten in der Senke. Frohn gehörte ihr sowieso. Gräfin Graf und Frohn. Manchmal hat das Leben reichlich alberne Ideen, dachte der Assistent zum zahllosesten Mal.
»Du siehst nicht gut aus. So schlimm?«
Frohn grinste gallig, deutete wortlos auf die Kotze.
»Huch! Ganz schön knapp«, kommentierte sie. Fast ein Echo seiner Gedanken.
»Das ist das Widerlichste, das ich je gesehen habe«, verteidigte er sich.
»Echt? Also ich kann mich beeindruckender übergeben.«
»Blabla. Komm mit.«
»Ich folge dir, wohin immer du gehst.«
Frohn verdrehte die Augen. Kapriziöses Miststück.
»Sie hätten uns den Fall nicht geben dürfen«, sagte er, während sie sich dem Fundort näherten.
»Aha?«
»Das ist nichts für eine Frau, wirklich nicht.«
Sie blieb stehen.
»Du sorgst dich ja um mich.«
»Das überrascht dich?«
»Sollte es mich nicht überraschen?«
»Muss du jede meiner Fragen mit einer Gegenfrage beantworten?«
»Mache ich das?«
Frohn seufzte, abermals hingerissen. Sie lächelte ihn an.
»Also ist es wirklich schlimm?«
»Sehr.«
Nachdem Frohn ihr die Leiche gezeigt hatte, sah auch sie etwas lädiert aus. Sie saß vor der Haustür auf der schmutzigen Treppe, scherte sich einen Dreck um die Flecken, die dadurch auf den feinen Tweedstoff ihres Kostüms gerieten, rauchte und schwieg.
»Was für eine unfassbare Scheiße ist das eigentlich? Da will mich doch wer verarschen!« sagte sie plötzlich mit einer gehörigen Portion Unglück in der aufgebrachten Stimme...

(*Und natürlich weiß ich es ziemlich sehr genau. Es ist die Methode, die ich hinter einem guten Krimi, sei er noch so kurz, vermute. Ich glaube ja fest, dass man im Kopf mit der Lösung beginnen muss, auch wenn der relativ frisch mit Alex Delaware infizierte Gunnar heute in den Ausläufern eines 'Gottchen, der ist ja so super, der Kellerman'-Gesprächs was anderes mutmaßte. Dass man eben doch mit einem Satz, mit der Tat beginnen kann und alles andere später kommt. Ich glaub das ja nicht. Blöd ist dann, dass ich immer, immer mit einem Satz einfach so beginne. Methode war nie meins.)