Mittwoch, Dezember 31, 2003

Chronik einer eher unweihnachtlichen Weihnachtswoche

Sonntag

Wenn man über die Feiertage nach Hause fährt, tut man die seltsamsten Dinge, weil Zerstreuung der gewohnten Art nicht verfügbar ist. Man schaut beispielsweise an einem Sonntagabend den neuesten Tatort und wundert sich darüber, dass der nach all den Jahren immer noch mit dem gleichen extrakörnigen Intro von Annodunnemals beginnt. Bekannt, oder? Augenpaare, Hände, Beine, die über nassen Asphalt laufen, diese komische Spirale. Oder man rätselt darüber, in welcher Stadt er spielt.
»Frankfurt!«
»Könnte auch Berlin sein.« Meine Mutter ist drollig. Da läuft ein Junkie durchs Bild, und schon ist es Berlin.
»Nein, Frankfurt hat solche Pfeiler in den U-Bahnstationen. Als ich Tobias damals besuchte, sind wir U-Bahn gefahren.«
Meine Mutter sagt wie immer nichts weiter dazu. Ich erwarte zwar trotz besseren Wissens etwas wie »Hast du ein Gedächtnis!« kombiniert mit einem ungläubigen Blick, aber Pustekuchen. Statt dessen macht sie sich eine Zigarette an und versucht, eine bequemere Sitzposition auf dem ebenso monströsen wie monströs hässlichen Sofa einzunehmen, während im Fernseher die Skyline von Mainhattan spektakulär blass von der Morgensonne ausgeleuchtet wird. Ein besserwisserisches »Siehste!« kann ich mir gerade noch verkneifen. Ich zünde mir auch eine Zigarette an und ergebe mich in mein Schicksal. Zirka 45 Minuten später kitzelt mich abermals mein Mitteilungsbedürfnis.
»Ha, die Story ist doch komplett geklaut. Der Yuppie, der nichts mehr empfinden kann, Frauen missbraucht und dann umbringt. Das ist aus einem ziemlich berühmten Buch. Auch seine Sportanfälle und die Schludrigkeit im Büro. Unglaublich! Wie dreist!«
Egal, denke ich mir, als auch diesmal die gebührende Reaktion ausfällt. Versuche, den intellektuellen Triumph über das Öffentlichrechtliche still zu genießen, denke ich mir. Dann strauchle ich kurz darüber, dass der Tatort das Verhalten des Mörders mit dem des Helden aus Dostojewskis Schuld und Sühne (Sagt man doch so, oder? Dostojewskis Schuld und Sühne, Beethovens Neunte, Da Vincis Mona Lisa...) vergleicht. Verdammt, haben die etwa doch weiter gedacht als ich? Zumal ich Schuld und Sühne nie gelesen habe. Spätestens das Ende des Films bestätigt mich aber. Nein, die Jungs vom Hessischen Rundfunk haben offenkundig gar nicht gedacht. Selten so einen doofen Schluss gesehen. Und meine Mutter ist mit mir einer Meinung. Zufrieden lasse ich sie ins Bett gehen und bleibe noch ein wenig im halbdunklen Wohnzimmer sitzen. 74 Quadratmeter. Ich versuche im Kopf, meine Wohnung in dem riesigen, von grünem Teppich und schweren Möbeln Marke Gelsenkirchener Barock entstellten Raum aufzuteilen. Passt fast. Zerstreuung, wenn man in der Heimat weilt. Toll.



Montag

»Wo ist denn die Asche meiner Mutter?«, plärrt eine bebrillte Mitzwanzigern mit wichtigem Blick durch die Buchhandlung, um danach energisch durch einen mir unbekannten Wälzer zu blättern. Das laute Lachen unterdrücke ich, das Grinsen nicht. Der Tag ist gerettet.
Mein Blick sucht das Regal der G-Autoren ab. G wie Goldt. Immer ein gutes Geschenk für Menschen, die einen ähnlichen Humor haben wie ich. Doch Goldt scheint aus zu sein. Und mein Blick scheint sich von entschlossen selbstsicher zu plan- und ziellos gewandelt zu haben. Eine unbeschäftigte Beschäftigte des Ladens pirscht sich von hinten ran.
»Kann ich ihnen helfen?«
»Ja, das können sie wahrscheinlich tatsächlich. Ich suche was von Max Goldt.«
»Goldt, Goldt...«, murmelt sie, fährt mit dem Finger über eine Reihe von Büchern und fischt zu meinem Erstaunen Ä (Auszug) aus dem Regal.
»Da haben wir doch was.«
»Prächtig, das nehme ich.«
Typisch. Mein Ä hat einen komplett grünen Einband. Das nun in weihnachtliches Geschenkpapier gehüllte ist vielfarbig. Neue Auflage. Deswegen habe ich es nicht gefunden. Mein Gehirn arbeitet manchmal seltsam. Formen wollen wiedergefunden werden. Erwartungen wollen erfüllt werden. Oft stelle ich mir vor, wie Situationen ablaufen müssen. Kleinste Abweichungen von meiner Vorstellung reichen aus, um mich für Sekunden mürrisch zu machen. Gelegentlich aber, ganz selten, stimmt alles. Dann bin ich überrascht, erlebe ein regelrechtes Hoch. Die Hochs dieser Art waren im bald verstrichenen 2003 selten. Man kann sie an einer Hand abzählen.



Dienstag

Den Tag beginne ich entgegen meiner Art recht früh. Sonst liege ich in meinem alten Zimmer immer noch ein wenig im Bett, versuche die Träume, sofern sie es wert waren, in den Wachzustand rüberzuretten oder ich genieße einfach den Blick auf den Himmel. Das vermisse ich wirklich in meiner Wohnung: einen freien Blick auf den Himmel aus meinem Bett. Dachschrägen können auf ihre kuschelige Art ziemlich doof sein.
Heute habe ich wieder diese furchtbare Unruhe in mir. Irgendwas muss passieren. Ein albernes LOL zuckt mir durch den Kopf. Irgendwas ist gut. Ablenkung muss her. Dringend.
Nach zwei Stunden Prince of Persia 4 und den letzten fünf Folgen Hellsing (wirklich gute Anime-Serie, die meinen Helden-Fetisch auf sehr ungewöhnliche Art befriedigt) ist es früher Nachmittag, und ich bin müde. Ich hieve mich zurück ins Bett und denke abermals an Irgendwas. Und daran, dass meine Füße wohl nie wieder warm werden wollen. Dann schlafe ich ein.
Um 16.30 geht der Wecker meines Handys. Ich muss noch in die Stadt, das Weihnachtsgeschenk für meine Mutter abholen. Und diversen Killefitt (herrliches Wort) besorgen. Im Aldi an der Kasse gesellt sich ein augen- und ohrenscheinlich betrunkenes Pärchen zu mir. Er: Mitte 30, kaum Haare, verquollen, Schorfwunde im Gesicht, nullachtfünfzehn Lederblouson, speckige Jeans. Sie: Anfang 40, lange schwarze Haare, Habichtnase, winzige, rote Augen, quergestreifter bunter Strickpulli. Hose kann ich nicht erkennen, weil die hinter dem vollen Wagen verschwindet. Die beiden lallen. Tauschen sich in klebrigen Wortströmen und sehr leise über etwas aus. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Mit einem unauffälligen Blick prüfe ich ihre Einkäufe: zwei Tüten H-Milch, Brot, Gemüse, abgepackter Käse und Wurst, Kekse und zwei Flaschen der Aldi-Variante von Smirnoff Ice. Für den Heimweg?



Mittwoch, Heiligabend

Familientag. Einfall der barbarischen Horden. Wieso habe ich diese Kolosseum-Streitwagen-Szene aus Gladiator vor Augen?
Es gibt gebratene Forellen – extra für mich Pseudo-Vegetarier. Wie toll gebratene Forellen sein können. Meine leckerste hatte ich mit zirka 13. Die haben meine damals beste Freundin und ich verbotenerweise aus dem Teich des Nachbarn geangelt. Und sind fast dabei erwischt worden. Okay, der Fisch war winzig, aber er hat geschmeckt wie nichts anderes auf dieser Welt.
Nachdem die Horden das Schlachtfeld verlassen haben, setze ich mich an den Rechner. Ist es der Rotwein? Ist es die Stimmung? Egal. Jedenfalls finde ich den ersten Satz für eine Kurzgeschichte. Ein guter Satz. Hoffentlich wird der Rest ähnlich gut. Doch ich kenne mich. Auf der Hälfte der Strecke verlässt mich regelmäßig der Elan. Aber ich habe einen Trick. Ich mache die Geschichte sehr kurz. Dann ist sie auf der Hälfte schon vorbei.



Donnerstag, erster Weihnachtstag

Noch ein Familientag. Diesmal fallen wir (Mutter und ich) ein. Gezwungenermaßen. Aber, oh mein Gott, bei meiner Schwester gibt es DSL. Wired to the world…that’s how I am. Schön. Noch schöner: Die Leserwelt ist mit der neuen GameStar-Ausgabe zufrieden. Klar, Meckerer gibt es auch diesmal, aber die meisten finden das Heft gut. Vor allem das Wertungskonferenz-Video. In dem ich albernst rumhampele. Darin bin ich ungeschlagen – im albern Rumhampeln.
Nachdem ich die üblichen Verdächtigen (Kaliban, Austinat, Argh!, Defective Yeti, Penny Arcade, PCX und logischerweise GameStar) abgesurft habe und mit meinem abgelichteten Konterfei der diesjährigen Weihnachtsgrüße-News zufrieden bin, missioniere ich noch ein wenig an Uwe, meiner Schwester Freund und Besitzer des Rechners, rum. Geht extrem schnell. Der IE ist Geschichte, es lebe Mozilla Firebird.



Freitag, zweiter Weihnachtstag

Astrid-Tag. Viel Lachen, bisschen ernst sein. Ihr von Irgendwas erzählen. Bedröppelt schauen. Wieder lachen.
Astrid schenkt mir einen Plastik-Dino in Gips zum Ausbuddeln und ein unglaublich tolles Buch. Den Dino deswegen, weil ich mal Paläontologin werden wollte. Nachdem ich Förster werden wollte. Bevor ich Archäologin werden wollte.
Das Buch heißt »Deutsche Götter- und Heldensagen«. Davon gibt es ja nun massig. Aber dieses ist ein ganz besonderes. Astrid und ich wissen, warum. Das muss als Erklärung reichen.
Nach sechs Stunden Frauengeplapper erweitern wir die Runde und besuchen Simone. Simone ist großartig. Gott, kann die Frau witzig erzählen. Traurigkomisches von Cindy und Bert, absurdes über Baptisten.
Danach pflügen wir gemeinsam unsere Abi-Zeitung durch und geben zu den ehemaligen Stufenmitgliedern Kommentare ab. Mal nett, mal gemein. Mal können wir gar nichts sagen. Unter den knapp 50 Leuten sind sicherlich drei oder vier, mit denen ich in all den Jahren kaum bis kein Wort geredet habe. Habe ich dabei was verpasst? Vielleicht.
Anlass des Ganzen: 2004 jährt sich unser Abi das zehnte Mal. Großes Treffen ist bereits in Planung. Ich bin mehr als gespannt.



Samstag

Mutter und ich fahren nach Gummersbach (Klingt der Name nur in meinen Ohren völlig bescheuert?), um Klamotten zu kaufen. Angekommen stellen wir schnell fest, dass es besser gewesen wäre, daheim zu bleiben. Menschen. Menschen. Menschen. Wer hat die alle gezeugt, frage ich mich. Hat sich denn niemand mehr unter Kontrolle?
Wieder nach Wipperfürth (okay, klingt auch nicht besser). Überschaubarer. Kuscheliger. Leerer. Sagen die Einheimischen. Angeblich würde die Innenstadt verwaisen – durch die Filialen der großen Kaufhausketten an den Stadträndern. Mag sein. Immerhin sind Institutionen wie Spielwaren Flosbach und das Schuhhaus Dörpinghaus für immer verschwunden. Auch das Fotostudio Biesenbach. Aber das hat einen anderen Grund. Der Besitzer hat sich im letzten Sommer aufgehängt. Schade. Ich mochte den Biesenbach gerne, auch wenn er eigentlich weder besonders gute Fotos machte, noch besonders gute Witze riss, um die Leute zum Lächeln zu animieren.
Zuhause verkrümeln uns dann jeweils in unsere privaten Refugien. Meine Mutter hat einen fiesen Schnupfen, mit dem möchte sie lieber allein sein. Mir nur recht, überfällt mich doch ohne Vorwarnung die berühmte samstagnachmittägliche Bettschwere. Und spendiert mir einen Alptraum erster Kajüte. Ich träume, ich sei auf einem Doom 3-Event. Neue Spielszenen. Na danke. Wenn die das in Doom 3 einbauen, was ich geträumt habe, wird das Spiel DER Schocker. Kleine Kostprobe? Sand, der einen zerschreddert, sobald man auf ihn tritt. Mit einem widerlichen Kettensägen-Geräusch. Das musste ich dreimal (!!!) in diesem bekloppten Traum sehen. Entweder ich lese die falschen Bücher oder schaue die falschen Filme. Ich tippe auf beides.



Sonntag

Hagen. Als ich Kollege Daniel am letzten Sonntag dort abgesetzt habe, meinte er, nur 500 Meter weit weg sei die Fern-Uni. Es kam, wie es kommen musste:
»Und wieso heißt die dann Fern-Uni?«
Schräger Blick, wildes Gelächter. Nicht nur das Sitzfleisch leidet unter fünf Stunden Autofahrt.
Heute besuche ich Britta -- in Hagen. Wir haben uns noch nie vorher gesehen, kennen uns nur übers Internet und Telefon. Sie hat eine kleine kuschelige Wohnung und vier Ratten. Wir reden fünf Stunden über Gott und die Welt und das Leben an sich. Dabei entwickeln die Ratten (Oder ist es nur eine? Ich kann die nicht auseinanderhalten.) Sympathien für mich. Sitzen mir auf der Schulter. Meine Mutter wäre in Ohnmacht gefallen. Ungelogen. Die Frau kann alles aushalten. Sie kann Gänse schlachten, Kaninchen die Rübe abhauen, Rehe und Wildschweine ausnehmen. Aber Ratten sind für sie wie Zecken für mich. Ich erinnere mich an den Winter vor irgendwelchen Jahren. Da hatten wir die haarigen Gesellen im Keller. Ich musste jeden Morgen runter und die Fallen kontrollieren. Meine Mutter stand oben an der Tür und fragte unentwegt mit weinerlicher Stimme »Und? Und?«. Seltsam, wenn man sie so gar nicht kennt.



Montag, Abreisetag

Die Autobahn unter mir. Ich habe gute Laune.