Gestatten, Brötchen. Käse Brötchen.

(Und noch ein alter Text, wieder vor einigen Jahren fürs Ressort Nabelschau von mindestens haltbar geschrieben. Abermals: Das Projekt ist inzwischen eingestellt, deswegen gibt’s den Text nun nochmal hier.)

Der folgende Text gewinnt, wenn Sie sich vor dem Lesen in die Mahlzeit verwandeln, die Sie zuletzt zu sich genommen haben. Sie können es aber auch lassen und einfach nur so lesen.

»Mahlzeit — du bist, was du isst!« plus »typisch deutsche Sichtweise«, so die Vorgaben fürs Ressort Nabelschau. Da bleibt mir ja nun wirklich nix anderes übrig, als mich gebührend über diesen Unsinn zu beschweren, liebes Team von mindestens haltbar. Wie unfair, meckere ich typisch deutsch. Wie unfair gegenüber Menschen wie mir, die sich Kochorgien verweigern. Denn würde ich nur Spaß am Brutzeln, Backen und Blanchieren haben, würde ich natürlich behaupten, das sei ganz richtig, das mit dem »Du bist, was du isst!« und im Anschluss ekstatisch über die sinnliche Erfahrung der Verspeisung eines guten, selbst zubereiteten Essens güldene Worte der Verzückung fabulieren, um am Ende zu behaupten, dass sich das aufs Wesen überträgt und mich folglich zu einer ungemein sinnlichen Zeitgenossin werden lässt, deren Anwesenheit man nur zu gerne genießt – in großer Runde. Und dann würde ich plötzlich den Bogen zu einem wahnsinnig ausufernden Gangbang schlagen. Weil die Leserschaft ja überrascht werden will. Und Sex geht sowieso immer.

Weil ich aber nicht gerne koche, bleibt mir nur Gemeckere: Wenn Wahrheit durch das Sinnsprüchlein »Du bist, was du isst!« wehen würde, wäre ich aktuell ein paar Vollkornbrotscheiben in eine Fertigsuppe getunkt, deren ursprünglich dafür geplantes Wasser zur Hälfte neben dem Topf landete. Wie sollen denn bitte ein paar Vollkornbrotscheiben in Fertigsuppe getunkt, deren ursprünglich dafür geplantes Wasser zur Hälfte neben den Topf ging, an einem Rechner sitzen und einen Text tippen? Aber das allein ist es ja nicht mal, denn vor den labbrigen Vollkornscheiben wäre ich ein Käsebrötchen aus der Kantine gewesen. Ein hübsches, leckeres Käsebrötchen zwar, mit Tomatenschnipsel und Salatblatt optisch und geschmacklich aufgewertet, aber das hätte sicherlich noch größere Probleme gehabt, Wasser in einen Topf zu füllen.

Außerdem: Ich würde mich nicht sonderlich wohl fühlen, wenn sich auf der Autobahn plötzlich der Fahrer im Opel Astra neben mir in einen Popel oder Ohrschorf verwandeln würde. Ich bin mir zwar sehr sicher, dass noch niemand Popel oder Ohrschorf auf Fahrtüchtigkeit überprüft hat, aber mein gesunder Menschenverstand behauptet, dass sei ohnehin sinnlos. Oder: Wie sollen denn bitteschön ein paar Schluck Wasser und ein Minz-Dragée die neueste Mailänder Mode vorführen? Das geht doch gar nicht. Das muss man doch einsehen!

Jetzt aber mal andererseits typisch praktisch deutsch: Wäre es nicht doch toll, wenn »Du bist, was du isst!« stimmen würde? Man könnte beim Betreten einer Party voller unbekannter Menschen gleich zwischen genormten Hühnchenteilen, Nudeln mit Ketchup, Nusskuchen und Crème Brûlée unterscheiden und sich dann die bevorzugten Gesprächspartner aussuchen. Die Nusskuchen würde ich meiden, ich hab’ eine Nussallergie. Bei den genormten Hühnchenteilen würde ich kurz anhalten und anklagend vegetarisch mit Gurken-Armen wedeln. Die Nudeln mit Ketchup wären für einen schnellen wie befriedigenden Schwatz ganz ausgezeichnet, denke ich. Und bei der Crème Brûlée würde ich den Abend dessert-artig abschließen, mit geistreichen Formulierungen an der Karamellkruste kratzen und hoffen, dass die Crème darunter das Versprechen der köstlichen Kruste darüber hält.

Aber jetzt mal abschließend klugscheißerisch deutsch: Wenn »Du bist, was du isst!« stimmen würde, würde ich mich nur noch von Cate Blanchett oder wunderschönen, langbeinigen sowie rotmähnigen Literaturnobelpreisträgerinnen, die in ihrer Freizeit an der Weltformel schrauben und Klaviersonaten klimpern, ernähren. Aber a-tens hält Frau Blanchett ja auch kein Leben lang und b-tens gibt es sicher keine wunderschönen, langbeinigen sowie rotmähnigen Literaturnobelpreisträgerinnen, die in ihrer Freizeit an der Weltformel schrauben und Klaviersonaten klimpern. Und c-tens könnte ich mir so eine exklusive Ernährung bestimmt auch gar nicht leisten.